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AERZTE Steiermark 12/2021

 

„Sagen Sie es mir nach einem Jahr“

Gerhard Stark eilt ein beachtlicher Ruf voraus. Als Arzt und als Spitalsplaner. Der habilitierte Facharzt für Innere Medizin und Maschinenbau-Ingenieur wurde nach dem Rückzug von Karlheinz Tscheliessnigg sehr rasch als neuer Vorstandsvorsitzender der KAGes präsentiert. In AERZTE Steiermark erklärt er, was er will und was er noch nicht weiß.

 

AERZTE Steiermark: Sie übernehmen die Funktion in denkbar schwierigen Zeiten – wo setzen Sie als Allererstes an, um die angespannte Situation in den durch die Pandemie belasteten LKH zu entschärfen?

Gerhard Stark: Hierzu ist zu sagen, dass die Pandemie zurzeit von Seiten der KAGes-Krankenhäuser sowie auch von der medizinischen Universität und all den anderen Krankenanstaltenträgern in der Steiermark in einer großen Gemeinsamkeit bestmöglich bewältigt wird. Es ist diese Gemeinsamkeit zwischen den Krankenanstalten und den Kolleginnen und Kollegen im niedergelassenen Bereich, die es von meiner Seite her bestmöglich zu unterstützen gilt.

 

Welche Pläne haben Sie, um weiterem brain drain zuvorzukommen? Was brauchen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, um sich weiterhin in der Lage zu fühlen, ihren Job ausüben zu können?

Stark: Ohne einen ausführlichen Nachdenkprozess ist diese Frage nicht zu beantworten. Die Pandemie hat in so kurzen Zeitintervallen Veränderungen gebracht, sodass einfache Rezepte aus dem Methodenschatz des Personalmanagements nicht ausreichen. Investition in Motivationsarbeit scheint mir hier das Gebot der Stunde. Es ist zunehmend mehr die Sinnfrage im eigenen Handeln, so meine Beobachtung, die entscheidet, ob sich jemand weiter in seinem Beruf engagiert: Damit gewinnen Ausbildung, Weiter- und Fortbildung zunehmend an Wert, ebenso das Arbeitsklima – und im Bereich der Pflegeberufe beobachte ich einen Wandel der Bedürfnisse von der Organisationskarriere hin zur Fachkarriere.

 

Mit Jahresende läuft die Betriebsvereinbarung zur 12-Stunden-Wechselschicht aus; in der derzeitigen Phase wird es wohl eine Verlängerung geben? Welchen Vorschlag werden Sie dazu machen?

Stark: Die Frage beantwortet sich von selbst.

 

Die Steiermark hinkt anderen Bundesländern bei der Besetzung ärztlicher Ausbildungsstellen in öffentlichen Häusern weit hinterher – 59 Prozent der planmäßig vorgesehenen Stellen sind unbesetzt. Woran liegt das Ihrer Ansicht nach?

In erster Linie ist zwischen einer Stellenplanbewirtschaftung und einer Ausbildungsstellenbewirtschaftung zu unterscheiden. Eine bedarfsgerechte Ausbildungsstellenbewirtschaftung setzt eine halbwegs verlässliche Bedarfsplanung an benötigten Abgängerinnen und Abgängern von entsprechenden Sonderfächern und Allgemeinmedizin voraus. Derartige Modellierungen für diesen Bedarf sind nicht einfach zu erstellen und bergen eine Vielzahl an Unschärfen – aber ja, sie sind notwendig und es wird auch daran gearbeitet. Zurzeit ist die Zahl der Ausbildungsstellen vorrangig durch die Zahl an Leistungen im jeweiligen Fachgebiet an der jeweiligen Abteilung bestimmt – nicht jedoch durch den Bedarf an nötigem Nachwuchs. Und der Nachwuchs – die jungen Kollegeninnen und Kollegen mögen mir diese saloppe, aber kollegial gemeinte Ausdrucksweise verzeihen – ist auch frei in der Entscheidung, wie er die Ausbildung im weiteren Berufsleben einsetzt. Damit ist nicht gesagt, dass die ausgebildeten Expertinnen und Experten auch als solche im Gesundheitssystem an entsprechender Stelle wiederzufinden sind – z. B. durch Wechsel des Faches –, wenn etwa Allgemeinmedizinerinnen und Allgemeinmediziner in ein Sonderfach gehen.

 

Was werden Sie unternehmen, um die Ausbildungsstellen zu besetzen? Finanziell und strukturell …?

Stark: Zuerst ist zu analysieren, der Bedarf abzuschätzen und danach der Versuch einer Modellierung vorzunehmen, um so den notwendigen Bedarf an Nachwuchs im jeweiligen Fachbereich abzuschätzen. Erst dann ist zu überlegen, welche Maßnahmen zu setzen sind. Vor einfachen Lösungen im Sinne des Gießkannenprinzips ist zu warnen. 

 

Der steirische Turnusärzteobmann Thomas Wegscheider hat einen Hilferuf an die KAGes ausgesandt, dass die Ärztinnen und Ärzte in Ausbildung vielfach ihre Belastungsgrenze erreicht haben. Was werden Sie zu deren Entlastung tun? Und wird es möglich sein, den Fortbildungsanspruch, der pandemiebedingt nicht eingelöst werden kann, in das kommende Jahr mitzunehmen?

Stark: Ich bin mir sicher, dass fundierte, mit Zahlen unterlegte Vorschläge helfen können, das Problem entsprechend einzugrenzen und hier auch gezielt Hilfe anbieten zu können. Warum hier von Eingrenzung zu sprechen ist, liegt darin begründet, dass in der Zeit der Pandemie nicht alle Fächer außergewöhnliche Belastungen zu bewältigen hatten, sondern es auch Fächer gab, die ungewollt in ihrer Leistungserbringung dadurch eingeschränkt waren, wie z. B. schneidende Fächer, die ihre Operationen nicht durchführen konnten, da die Intensivbetten zur Nachbetreuung der operativen Fälle nur eingeschränkt zur Verfügung standen.

 

In den KAGes-Spitälern fehlt ärztliches, aber auch Pflegepersonal. Was sind die Ursachen? Wie ist das Problem behebbar?

Stark: Auch hierfür gibt es keine simple Antwortformel. Jede Situation ist einzeln zu betrachten, und es sind entsprechende Schlüsse zu ziehen. Fest steht sicher, dass der Nachwuchs an vielen Stellen bei nahezu jedem Krankenhausträger in Österreich und darüber hinaus fehlt. Dieses Problem ist allein schon aufgrund der demografischen Entwicklung nur bedingt lösbar. Das Ausbilden einer Kultur hin zur Prozessoptimierung kann ein kurzfristig bedeutsamer Schlüssel sein, die Digitalisierung und Automatisierung – beschleunigt durch künstliche Intelligenz – ein mittelfristiger Lösungsansatz. Begleitend dazu sind alle Maßnahmen voranzutreiben, die ein attraktives Arbeitsumfeld ausmachen.

 

Einer der nur langfristig umzusetzenden Lösungsvorschläge zur Entlastung des Spitalspersonals, insbesondere der Ärztinnen und Ärzte, liegt darin, einen gehobenen Beruf zur medizinischen Dokumentation einzuführen. Was halten Sie davon? Würden Sie sich dafür einsetzen?

Stark: Dieser – zumindest in meiner Erinnerung – seit nun beinahe zwei Jahrzehnten bestehende Vorschlag ist nachvollziehbar und begründet. Doch es hat sich in der Zwischenzeit auch viel verändert und Fragen wie „Welche Dokumentation ist wirklich notwendig, was an Dokumentation ist zu welchem Zeitpunkt delegierbar, wie redundant ist die Dokumentation und wieviel an Dokumentation könnte automatisiert erfolgen?“ müssen zunehmend mehr gestellt und bearbeitet werden.  Aus meiner Beobachtung hat sich die Zeit auch insofern gewandelt, dass sich nicht so sehr die Frage nach einer Assistenz für die Dokumentation stellt, sondern viel mehr nach einer Logistikassistenz im medizinischen und pflegerischen Abarbeiten von komplexen Erkrankungsgeschehen im Sinne von Ressourcenplanung und Prozessmanagement.

 

Sie kennen die Welt der KAGes ebenso gut wie die der Ordenskrankenhäuser. Was sind die markanten Unterschiede? Wo gibt es weitgehende Gleichheit?

Stark: Ich könnte mir vorstellen, mich zu dieser Thematik zum Verfassen eines Buches verleiten zu lassen – dies allerdings erst in zehn Jahren – nun bin ich erstmal wieder in der Welt der KAGes angekommen. Eines kann ich allerdings verraten: Die Summe aller Problemfelder und Erfolgsgeschichten ist da wie dort nahezu gleich, lediglich die Ausprägungen sind unterschiedlich.

 

Bisher wurde der KAGes-Vorstand auf ärztlicher Seite von einem Chirurgen geführt – nun übernehmen Sie als Internist das Ruder. Wirkt sich das auf den Führungsstil aus?

Stark: Sagen Sie es mir nach einem Jahr.

 

Ein Kärntner für die KAGes

Wenige Tage nach seiner Präsentation durch das Land Steiermark feierte die Kleine Zeitung Gerhard Stark als „Kärntner des Tages“. Tatsächlich ist Gerhard Stark einer jener Kärntner, die das Medizinstudium nach Graz brachte. Zuvor hatte er allerdings in Klagenfurt die Höhere Technische Lehr- und Versuchsanstalt für Maschinenbau absolviert. 1987 wurde er auch zum Ingenieur für Maschinenbau ernannt. Aber schon 1992 habilitierte er sich im Fach Innere Medizin, ein Jahr später folgte die Ernennung zum Facharzt. Am Universitätsklinikum Graz begann er auch seine ärztliche Laufbahn – unter anderem war Gerhard Stark von 1995 bis 2002 Stellvertreter des Leiters der Klinischen Abteilung für Angiologie. In der KAGes stand er von 2003 bis 2011 der Abteilung für Innere Medizin am LKH Deutschlandsberg vor. 2011 wechselte Gerhard Stark als Ärztlicher Direktor an das Krankenhaus der Elisabethinen in Graz. Fünf Jahre später begann er als Ärztlicher Direktor der gesamten Ordensprovinz Österreich der Barmherzigen Brüder (sie umfasst auch Einrichtungen in Ungarn, Tschechien und der Slowakei) einen weit umfassenderen Bereich mit österreichischen Spitalsstandorten im Burgenland, der Steiermark, Kärnten, Oberösterreich, Salzburg und Wien zu leiten. Und jetzt die KAGes. Sie ist zwar auf die Steiermark beschränkt, was Standorte und Mitarbeiterzahl betrifft, ist sie dennoch um einiges größer als die BHB-Spitalsstruktur in Österreich. Wobei Gerhard Stark auch regional verwurzelt ist: Im weststeirischen Mooskirchen hat er eine private Praxis für Innere Medizin und ist Bezirksfeuerwehrarzt für Voitsberg. Daneben war er in seiner weststeirischen Wahlheimatgemeinde auch Gemeinderat und Vorsitzender des Pfarrgemeinderats, aber auch Mitglied des Vorstandes des Katholischen Akademikerverbandes. In der Ärztekammer engagierte er sich vor allem für Ausbildung und Qualität auf steirischer und österreichischer Ebene, war aber auch Vorsitzender des Primarärztereferats und 2. stv. Kurienobmann der Angestellten Ärzte in der Ärztekammer Steiermark. Daneben hat Stark auch international viel geforscht: 121 Originalarbeiten, 317 Abstracts, Vorträge und Poster  sowie 15 Bücher und Buchbeiträge gehen auf sein Konto. Weiters übte er in mehreren wissenschaftlichen Gesellschaften leitende Funktionen aus, organisierte Kongresse und engagierte sich in zehn wissenschaftlichen Journalen.

 

Fragen: Ursula Scholz, Martin Novak

Fotos: Rupprecht, Stieber




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