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AERZTE Steiermark 11/2021

 

„Auch Nachteile aufgreifen!“

Vor vier Jahren gründete eine Handvoll deutscher Medizinstudierender die Initiative „Impf Dich. Impfaufklärung in Deutschland e.V.“. Seither touren mehrere hundert Multiplikator*innen durch Schulklassen und Flüchtlingsheime oder klären auf Kita-Elternabenden auf. Wir sprachen mit einem der Initiatoren.

„Großes Unwissen“ in puncto Impfungen hat Steffen Künzel in seiner Arztausbildung bei den Patient*innen und den Eltern zu impfender Kinder erlebt – auch darüber, warum man sich überhaupt impfen lassen soll. Da wollte er Abhilfe schaffen. Weil er davon überzeugt ist, dass Impfbereitschaft eine intrinsische Motivation voraussetzt, bringt er nunmehr seit vier Jahren – zusammen mit zahlreichen Mitstreiter*innen – Informationen über Nutzen und Nebenwirkungen von Impfungen unter die Menschen.

Vor allem in Schulklassen sind die Impfbotschafter*innen von Impf Dich tätig, aber auch in Unterkünften von Geflüchteten und am Elternabend in der Kindertagesstätte. Zudem wird geforscht – wie etwa kürzlich zur COVID-19-Durchimpfung der Ärzt*innen in Ausbildung.

Mit gleichgesinnten Kommiliton*innen gründete Künzel einen Verein, um Spendengelder lukrieren zu können. Sämtliche, auch hoch dotierte, Unterstützungsangebote der Pharmaindustrie hat der Verein abgelehnt, weil genau sie den Sinn der Initiative ad absurdum führen würden. Künzel will unabhängig informieren und auch als unabhängig wahrgenommen werden. „Unsere Aufgabe ist es, wissenschaftsbasiert aufzuklären. Bei jeder von der STIKO empfohlenen Impfung überwiegen die Vorteile die Nachteile, aber es gibt eben beide. Wichtig ist es, in den Diskussionen auch die Nachteile aufzugreifen.“

 

Über 20 Gruppen

Künzel und sein Team haben ihre erste Gruppe von Impf-Aufklärern in Bonn gegründet, die mit mehr als 30 Mitgliedern heute noch die stärkste ist und fachlich auch durch den Immunologen Ernst Molitor unterstützt wird. Künzel selbst ist mittlerweile von Bonn nach Berlin übersiedelt, wo er als Assistenzarzt an der Ophthalmologischen Klinik an der Charité tätig ist.  Mehr als 20 Lokalgruppen von Impf Dich gibt es inzwischen, verteilt über ganz Deutschland, von München bis Kiel. Die Tutor*innen sind allesamt Medizinstudierende, meist schon in höheren Semestern. „Wir erwarten uns, dass sie die immunbiologischen Hintergründe des Impfens verstehen und wissenschaftliche Studien lesen können.“ Darüber hinaus absolviert jede Lokalgruppe einmal pro Quartal eine Fortbildung und alljährlich findet ein Bundestreffen statt, bei dem Expert*innen referieren. Wer sich in der Impfinitiative engagiert, bekommt Trainings zur Wissensvermittlung. Beispielsweise haben die Multiplikator*innen bei Mitgliedern der Forschungsgruppe von Cornelia Betsch, Psychologin und Professorin für Gesundheitskommunikation an der Universität Erfurt, gelernt, wie man speziell eine Impfempfehlung kommuniziert.

 

Peers für Schüler*innen

Die Medizinstudierenden sind zwar als Ärzt*innen noch unerfahren, verfügen aber über einen großen Vorteil: Sie sind meist nur wenige Jahre älter als die Schüler*innen, die sie informieren und damit oft auf derselben Wellenlänge. „Diese Generation kennt Facebook nicht mehr, die sind auf Instagram und Tik Tok unterwegs. Wir freuen uns immer über neue junge Mitarbeitende, denn die nutzen dieselben Informationskanäle wie unsere Zuhörerinnen und Zuhörer und finden so einen besonderen Zugang“, erzählt Künzel. Mittlerweile sind unter den Multiplikator*innen die ersten dabei, die selbst als Schüler*innen von Künzels Initiative Impfaufklärung erhalten haben.

Derzeit müssten die Schulvorträge pandemie-bedingt online stattfinden, da sei es schwierig, die Atmosphäre zu erfassen, erzählt Künzel. „Aber generell habe ich den Eindruck, dass junge Menschen offener für Argumente und wissenschaftliche Erkenntnisse sind.“ Auch im Bereich der COVID-Impfung macht er die Erfahrung, dass die Kinder und Jugendlichen zu großen Teilen geimpft werden wollen und eher die Eltern noch zu überzeugen sind.

Bedenken zu formulieren ist bei Impf Dich aber durchaus erwünscht, denn es soll ja die sachliche Information und nicht das Überreden im Vordergrund stehen. Da fragen die Schüler schon auch einmal nach, ob Lebendimpfstoffe wie jene gegen Masern und Polio nicht auch die Krankheit selbst auslösen können. „Schüler verstehen die Statistik“, so Künzel. „Sie können sich vorstellen, was es bedeutet, wenn in einem voll besetzten Fußballstadion nur eine Person betroffen ist.“

 

Nutzen & einfache Bürokratie

Generell, so Künzel, müssen Menschen den Nutzen des Impfens für sich (und andere) erkennen. „Das geht im Moment natürlich leichter bei COVID-19 als bei Masern. Die jungen Menschen wollen ausgehen und feiern – dieser sekundäre Nutzen spricht eben für die COVID-Impfung. Allerdings polarisiert dieses Motiv – Impfen zum persönlichen Vorteil – auch viel mehr als andere Impfmotive.“ Zur Erhöhung der Impfraten würde sich Künzel administrative Vereinfachungen wünschen, beispielsweise einen Reminder, wenn wieder eine Impfung ansteht. Ein Service, das in der Steiermark über das Eltern-Kind-Informationsservice der Wissenschaftlichen Akademie für Vorsorgemedizin bereits abgedeckt ist und auch von diversen Impfärzt*innen geboten wird. „Einen Impfpass zu führen ist längst nicht mehr selbstverständlich“, betont Künzel. „Manche sind nicht über die empfohlenen Impfungen informiert, andere schlichtweg damit überfordert, sich auch noch darum zu kümmern. Für diese Menschen ist es wichtig, das Impfen so niederschwellig wie möglich zu organisieren. Wir in Deutschland haben dabei gute Erfahrungen mit Impfzentren gemacht.“

 

„Risiko bleibt“

Neue Herausforderungen bietet die Arbeit mit Geflüchteten: „Oft gab es in deren Heimat gar keine Impfungen oder es wurde nur sehr selektiv geimpft. Manche empfinden das Impfen daher als unnötig – andere wiederum sind positiv überrascht vom deutschen Gesundheitssystem.“ Auch wenn es wichtig ist, gerade Geflüchtete, die auf engen Verhältnissen in ihren Unterkünften leben, vom Wert des Impfens zu überzeugen, gilt auch hier das Prinzip, Vor- und Nachteile aufzuzählen und ehrlich zu sagen, welche Nebenwirkungen eine Impfung haben kann. Dass bei einer so jungen Impfung wie jener gegen COVID-19 keine Langzeitstudie über 15 Jahre vorgelegt werden kann, wie von einigen Impfskeptiker*innen gefordert, ist logisch. „Ja, es bleibt ein Risiko. Aber die Krankheit zu durchleiden ist risikoreicher. Und wir brauchen in jedem Bereich der Medizin Menschen, die bereit sind, etwas Neues auszuprobieren. Eine Herzklappe durch die Beinarterie austauschen zu lassen, musste auch jemand zum ersten Mal machen lassen und viele andere haben davon profitiert.“

 

Die Initiative Impf Dich ist aktuell für den Publikumspreis des Deutschen Engagementpreises 2021 nominiert.

 

Foto: beigestellt

Symbolbild 1
 



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