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SPORTMED GRAZ 2021
11. und 12. Juni 2021
 

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AERZTE Steiermark 04/2021

 

Reißen, stoßen … und annehmen, was kommt

Die Assistenzärztin für Anatomie, Bettina Pretterklieber, ist mit Feuereifer bei der Sache, was immer sie tut. Was genau das ist, überlässt sie oft dem Fluss des Lebens. So kam die Triathlon-Staatsmeisterin mit über 40 Jahren im vergangenen Sommer auch noch zu einer Goldmedaille im Gewichtheben.

Ursula Scholz

Bettina Pretterklieber ist nichts zu schwer. Kein Gewicht, keine Aufnahmeprüfung und keine Lebensentscheidung. Sie stemmt, was eben gerade zu stemmen ist – und spürt, wann es Zeit ist, die Langhantel fallen zu lassen, im buchstäblichen wie im übertragenen Sinn.

Ihr Weg zur Fachärztin – aktuell befindet sie sich im letzten Ausbildungsjahr für Anatomie an der Medizinischen Universität Graz – war nicht von Anfang an vorgezeichnet: Nach Abschluss der Handelsakademie im niederösterreichischen Horn arbeitete sie als Versicherungskauffrau. Daneben betätigte sie sich nicht nur selbst sportlich, nahm an Lauf-Wettkämpfen teil, machte Aerobic und Fitnesstraining, sondern absolvierte auch diverse Trainerausbildungen. Ihr nächstes Etappenziel war es, nur mehr in Teilzeit bei der Versicherung zu arbeiten und die restliche Zeit als Fitnesstrainerin. Der Widerstand ihres Arbeitgebers wurde ihr zum Ansporn: Mit 27 Jahren begann sie neben der Arbeit als Trainerin ein Bakkalaureatsstudium am Wiener Zentrum für Sportwissenschaft und Universitätssport mit dem Fachschwerpunkt Leistungssport. Erst im Alter von 30 Jahren startete sie mit ihrem Medizinstudium in Wien, wobei sie die Aufnahmeprüfung auf Anhieb bestanden hatte.


Den Körper begreifen

Egal ob in der Ausbildung zur Fitnesstrainerin, zur Masseurin oder zur Sportwissenschafterin – immer wieder faszinierten Bettina Pretterklieber ganz besonders die nötigen Lehreinheiten zum Thema Anatomie. Ihr Erkenntnisinteresse: „Ich will den Körper gescheit begreifen.“ Also ganz genau in seinen Strukturen. Während des Medizinstudiums gerieten ihre Ambitionen durchaus ins Wanken. „Da war plötzlich jedes Fach spannend“, erzählt Pretterklieber. „Im vierten Studienjahr war ich mir dann ganz sicher, Unfallchirurgin werden zu wollen.“ Dazu nahm sie sich allerdings vor, sich in Anatomie zu vertiefen und hat jedes entsprechende Wahlfach besucht. Daraus entwickelte sich ein Nebenjob als Tutorin und Demonstratorin am Institut für Anatomie sowie kurz darauf einer als Studienassistentin. Nach dem Studienende im Jahr 2015 erhielt sie eine Facharzt-Ausbildungsstelle an eben diesem Wiener Anatomie-Institut. Dass sie heute, 2021, trotzdem noch ein Jahr Ausbildung vor sich hat, resultiert nicht etwa aus mangelndem Fleiß, sondern schlichtweg daraus, dass sie in ihrer Assistenzarztzeit auch zwei Söhne geboren hat. Speed gehört zu ihrem Leben.
 

Staatsmeisterin im Triathlon

Denn parallel zu ihren Ausbildungen lief das Laufen. Obwohl sie in ihrer Jugend im Waldviertel eigentlich als Springreiterin an ersten Wettbewerben teilgenommen hatte, sattelte sie später aufs Laufen um. „Reiten war aufwendig und teuer und als ich nach Wien gegangen bin nicht mehr möglich. Beim Laufen konnte ich mir je nach Tagesverfassung und Zeitfenster aussuchen, wie lange ich trainiere und gleich loslaufen.“ In den Triathlon sei sie dann mehr oder weniger hineingerutscht, über Freunde im Verein, so Pretterklieber. Wobei das Schwimmen immer ihre schwächste Disziplin geblieben sei. Die Zeit, die sie dabei verlor, holte sie aber meist schon am Rad auf, noch bevor der Lauf begonnen hatte. „Wenn ich etwas mache, dann voll und mit ganzem Herzen. Und die 15 bis 20 Stunden Training neben der Arbeit haben mir Spaß gemacht, waren sozusagen positiver Stress.“ So kam es, dass sie rund um ihren 31. Geburtstag doppelte Staatsmeisterin im Triathlon wurde, im Mai – in Graz – auf der Mittelstrecke und im August auf der Langstrecke. „Dass ich Staatsmeisterin geworden bin, kam für mich unerwartet und war ein echtes Wow-Erlebnis“, erinnert sie sich. „Ich hatte zwar den Winter über gut trainiert, mich aber in der Woche vor dem Wettkampf müde gefühlt und war nur mäßig motiviert.“

Bis 2011 blieb sie auf der Erfolgsspur, mit Siegen im Vienna City Triathlon, dem Ausee Triathlon, dem Linz Triathlon und dem Mostiman Triathlon im Mostviertel. Dann kam die Wende, als sie bei einem Triathlon mitten auf der Radstrecke beschloss, sich nicht mehr länger quälen zu wollen. Sie stieg ab. „Wenn der Biss fehlt, ist es Zeit, sich umzuorientieren“, lautet ihr Credo. Und das zieht sie dann auch radikal durch.


Zu 80 Prozent Beinmuskulatur

Pretterklieber widmete sich verstärkt dem Studium und dem Nebenjob als Tutorin, später dann dem Beruf und den Kindern. Fit bleiben wollte sie dennoch – und als sie vom Crossfit-Training hörte, suchte sie mit ihrem Mann gemeinsam eine Übungsmöglichkeit nahe ihrem Wohnort im niederösterreichischen Tribuswinkel. Über die US-Trainingsmethode Crossfit, die Elemente aus Ausdauer-, Konditions- und Krafttraining vereint, kam sie schließlich zum Gewichtheben. „Das geschieht alles durch Zufall – es hat mir einfach das Leben gebracht.“ Ein Teil von Crossfit besteht aus Langhanteltraining und dazu wurde ein spezieller Technikkurs angeboten, den Pretterklieber gleich buchte. „Man darf sich das Gewichtheben nicht wie beim Mundl vorstellen. Gewichtheben verlangt Köpfchen, Technik und Schnelligkeit. Und besteht zu 80 Prozent aus Beinmuskulatur.“ Auch wenn die Emotionen und auch der Schrei zum Wettkampf gehörten, sei Weight-lifting ein „intelligenter Sport“. Zunächst sei ihr das Stoßen sympathischer gewesen, mit der „Zwischenstation“ der Langhantel auf den Schultern. Doch gerade deswegen habe sie das Reißen intensiv geübt, samt der erforderlichen Beschleunigung aus Knie und Hüfte, um schnell unter das fliegende Gewicht zu kommen. Inzwischen beherrscht sie beides.


Siegerregion Graz

Der Weg zurück zu den Wettkämpfen erschien da fast logisch. Pretterklieber, die sich selbst als zielstrebig, positiv denkend und ehrgeizig, aber trotzdem kollegial bezeichnet, misst sich gern. Vor allem an den eigenen Ansprüchen. Im vergangenen Jahr errang sie bei der Österreichischen Meisterschaft der Masters (also der Athleten über 35 Jahren) in Feldkirchen bei Graz den ersten Platz. Gestartet für den heimatlichen Athletikclub Traiskirchen, erhielt Pretterklieber eine Goldmedaille und schaffte 40 kg im Reißen und 56 kg im Stoßen. Bei einem Körpergewicht von 62,5 kg wohlgemerkt.

Die Region Graz ist also der Ort ihrer Siege – und seit ganz Kurzem auch der berufliche Mittelpunkt. Mit Jänner übernahm sie ihre Assistenzarztstelle an der Medizinischen Universität Graz, im Februar folgte ihr Mann, Michael Pretterklieber, ein Facharzt für Anatomie. Nun pendeln die beiden statt nach Wien nach Graz, was zeitlich trotz der längeren Strecke nur wenig Unterschied macht. Einer fährt, der andere arbeitet am Laptop, Leerläufe gibt es keine. Und wenn am Abend für Bettina Pretterklieber noch Freizeit bleibt, greift sie mittlerweile auch daheim zur Langhantel. „Da in der Coronazeit kein auswärtiges Training erlaubt war, haben wir uns daheim im Wintergarten eine Ecke zum Gewichtheben eingerichtet.“ Auf den schwimmenden Holzboden wurde zusätzlich ein gummierter Sportboden aufgebracht und los ging es. „Daheim muss man halt viel präziser sein als in einer Halle, weil weniger Platz zur Verfügung steht.“

Was sie an der Coronazeit am schwersten zu stemmen findet? „Dass es so viele Leute gibt, denen die Pandemie egal ist. Wir müssen da rauskommen – und das geht nur mit vereinten Kräften.“

 

Fotos: beigestellt




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