AERZTE Steiermark 10 2025

Das Magazin der Ärztekammer Steiermark Oktober 2025 Sportlich. Gerhard Postl über die Bedeutung von Sport und aktuelle Impulse für Sportärzt:innen. Schmerzhaft. Zum Welt-Rheuma-Tag gibt Martin Stradner einen Überblick über die Therapien. Stark. Beeindruckende Bilder aus dem Tierreich fängt die Ärztin Martina Stelzl ein. Österreichische Post AG MZ 02Z033098 M Ärztekammer für Steiermark, Kaiserfeldgasse 29, 8010 Graz, Retouren an PF555, 1008 Wien Ausbildungsevaluierung Telemedizin Vor 125 Jahren durften Frauen in Österreich erstmals Medizin studieren Foto: Steiermärkisches Landesarchiv

•Die Arztekammer Steiermark 1nformationsnachmittag "Schwangerschaft & Kind" Angestellte Ärzte Ein Service der Ärztekammer für Eltern und die, die es noch werden wollen. Mit Impulsvorträgen zu: Schwangerschaft Elternteilz oc 00 Geburt Karenz inderbetreuungsgeld, amilienzeitbonus & Co Donnerstag, 7.5.2025, ab 15:00 Uhr; ca. 90 Minuten Offene Räume, Ärztekammer Steiermark Kaiserfeldgasse 29, 8010 Graz Aus organisatorischen Gründen ersuchen wir um Anmeldung unter angestellte.aerzte@aekstmk.or.at Ein Service der Ärztekammer Steiermark mit freundlicher Unterstützung durch ��- 13.11.2025, um 15 Uhr

BEREICH THEMEN Produziert gemäß Richtlinie UZ24 des Österreichischen Umweltzeichens, Medienfabrik Graz, UW-Nr. 812 Logo für Druck, 4c, dt.: Unten finden Sie das Österreichische Umweltzeichen Druckprodukt. Dabei müssen unbedingt folgende Ric – Platzieren Sie dieses PDF in Ihrem Layout mit 100 % dass nur die von Ihnen gewünschte Logo-Variante im Blume einen Durchmesser von 17 mm und die Schri – Das Umweltzeichen muss genügend Abstand zu and das Logo als eigenständiges grafisches Objekt wiede Hintergrund abgebildet werden. Fotos, detaillierte G – Man kann den Text rechts von der Blume auch ins Im (mit 17 mm Durchmesser!). VERWENDUNG D UMWELTZEICHE MEDIENFABRIK GRAZ, Dreihackengasse 20, 8020 Graz ,T +43 (0)316/8 ÆRZTE Steiermark || 10|2025 3 BUCHTIPP Tanz mit den Hormonen Natürliche Alternativen für Ihre innere Balance Katharina Maria Burkhardt, Margit Friesenbichler 2., erweiterte Auflage, 184 Seiten ISBN: 978-3-99052-337-7 Das Buch „Tanz der Hormone“ erklärt, wie Hormone unseren Körper und unsere Psyche steuern – und was passiert, wenn sie aus dem Gleichgewicht geraten. Die 2., erweiterte Auflage bietet fundiertes Wissen über Hormonmangel, Überfunktionen und Krankheitsbilder wie Schilddrüsenstörungen, Schlafprobleme, Migräne oder Wechselbeschwerden. Mit Erfahrungsberichten, praktischen Checklisten und Tipps zu Ernährung, Lebensstil und bioidenten Hormonen liefert das Buch konkrete Hilfestellungen für Frauen und Männer, um Vitalität und Wohlbefinden nachhaltig zu fördern. DATUM 10.11.2025 Am 10. November findet erstmals die „Lange Nacht der Urologie“ statt. Zwischen 17 und 21 Uhr öffnen österreichweit 45 urologische Ordinationen und Kliniken ihre Türen. Männer ab 45 können ohne vorherige Anmeldung ihren ersten ProstataCheck durchführen lassen. Teilnehmende Ordinationen/Kliniken unter: www.loosetie.at/loose-tie/lange-nacht-der-urologie LINK: www.kassenarzt-finden.at Mit der Website kassenarzt-finden.at hat der Grazer Daniel Schalk eine Plattform geschaffen, die Patient:innen rasch und unkompliziert zu Kassenärzt:innen mit freien Terminen vermittelt. Auslöser waren seine eigenen negativen Erfahrungen bei der Suche nach zeitnahen Kassenarztterminen. Mit dem Service will er zeigen: Man bekommt Termine – sie müssen nur einfacher auffindbar sein. ZAHL 25 Jahre Im September feierte die Privatklinik Graz Ragnitz ihr 25-jähriges Bestehen mit über 200 Gästen aus Medizin, Gesundheit und Wirtschaft. Eröffnet wurde eine Ausstellung im Klinikgarten, die Meilensteine und Projekte der vergangenen Jahre dokumentiert. Zudem präsentierte die Klinik das Jubiläumsbuch „25 Jahre – 25 Stories“, das persönliche Einblicke von Mitarbeitenden in die Entwicklung der Einrichtung bietet. Geehrt wurden auch jene Beschäftigten, die seit der Gründung im Jahr 2000 zum Team gehören. Foto: Verlagshaus der Ärzte FORTBILDUNGSTIPP Am Dienstag, 18. November, findet der 4. Weiterbildungsabend für Ärzt:innen in Ausbildung in diesem Jahr statt. Dozent Andreas Bogner widmet sich dabei dem Thema „Tabus auflösen, Kompetenz gewinnen – Proktologie für Ärzt:innen in Ausbildung“. Ziel ist es, praxisnahes Wissen zu vermitteln und Berührungsängste in diesem wichtigen Fachgebiet abzubauen. Die Veranstaltungsreihe wird durch die Bildungspartnerschaft mit der Raiffeisen-Landesbank Steiermark ermöglicht. Anmeldung unter: www.med.or.at/rlb UPDATE IM OKTOBER SCHLAGZEILE „Ärzte kritisieren Gesundheitstelefon 1450 scharf“ Patienten landen in Ambulanzen, obwohl sie in Ordinationen sollten: Spitalsärzte pochen auf bessere Lenkung durch 1450. Kronen Zeitung, 6. September 2025 IMPRESSUM: Medieninhaber (Verleger): Ärztekammer für Steiermark, Körperschaft öffentlichen Rechts | Redak- tionsadresse: 8010 Graz, Kaiserfeldgasse 29, Tel. 0316 / 8044-0, Fax: 0316 / 81 56 71, E-Mail: presse@aekstmk.or.at | Chefredaktion: Mag.a Beate Mosing | Redaktion: Mag.a Edith Preiß, Thomas Zenz | Produktion: CONCLUSIO PR Beratungs Gesellschaft mbH, Schmiedgasse 38, 8010 Graz | Anzeigen: Gernot Zerza, Tel.+43 664 2472673, E-Mail: Zerzagernot@gmail.com; Mit „Promotion“ gekennzeichnete Texte sind entgeltliche Veröffentlichungen im Sinne § 26, Mediengesetz. | Druck: Stmk. Landesdruckerei GmbH, 8020 Graz | Abonnements: Eva Gutmann, Ärztekammer Steiermark, Tel. 0316 / 804440, Fax: 0316 / 81 56 71. Jahresabonnement (11 Ausgaben) EUR 25,–.

BEREICH THEMEN 4 ÆRZTE Steiermark || 10|2025 Fotos: Christian Jungwirth, Martina Stelzl THEMEN Cover. Ein Wendepunkt in der Medizingeschichte 8 Forever young? Medizin für ein langes, gesundes Leben 11 Mit voller Kraft: Impulse für Sport und Sportärzt:innen 14 Seelische Gesundheit: Warum wir positiven Input brauchen 16 Innovative Therapien, bessere Behandlung und mehr Awareness für Rheuma 18 Telemedizin in der Praxis: Vorteile und Herausforderungen 20 Erlesen. Verlust, Verrat, bewegende Schicksale und klares Denken 24 Recht. Gemeinschaft zahlt sich aus: Die unbekannten Vorteile der Gruppenpraxis 26 Wirtschaft & Erfolg. 4 Generationen – 1 Team: So gelingt die Kommunikation 28 Follow me on Social Media: Sichtbarkeit und Stolperfallen 30 Wohlfahrtsfonds. Die Altersversorgung des Wohlfahrtsfonds: Infos und Voraussetzungen 32 CIRS. Fall des Monats 34 Med Uni Graz. News aus der Forschung 37 ANGESTELLTE ÄRZTINNEN UND ÄRZTE Ausbildungsevaluierung ist bereits ein etabliertes Tool 40 Lernen von den Niederlanden 42 Spitalsärzt:innen leiden massiv unter der Bürokratie 44 Dienstrecht aktuell. Die Dienstformen der KAGes 46 NIEDERGELASSENE ÄRZTINNEN UND ÄRZTE Großer Verhandlungserfolg für Visiten-Tätigkeiten in Justizanstalten 52 Aktuelle Änderungen: e-card, ELGA und eImpfpass für Wahlärzt:innen 54 Kassencheck. Leistungsverrechnung bei der BVAEB 56 Ärztekammer bei Zukunftskonferenz Innenstadt 57 Debatte 6 News 39 Kleinanzeigen 61 Personalia 66 Cartoon 69 Ad Personam 70 DER CODE ZUM JUNGBLEIBEN Wie wir unsere gesunde Lebensspanne deutlich verlängern können, erklären zwei Expertinnen und liefern die aktuellsten Erkenntnissen aus der Forschung. Seite 12 ÄRZTIN IM BESONDEREN DIENST Hinter jedem Foto von Martina Stelzl steckt eine Geschichte. Die Grazer Ärztin ist auch begeisterte Tierfotografin und reist dafür um die Welt. Seite 22

BEREICH ÆRZTE Steiermark || 10|2025 5 THEMEN Die WHO empfiehlt mindestens 150 Minuten Bewegung pro Woche mit mittlerer Intensität oder 75 Minuten mit höherer Intensität. Deshalb haben wir bei der steirischen Ärzteschaft nachgefragt: „Wie viel Sport machen Sie persönlich eigentlich pro Woche?“ Und die Ergebnisse zeigen, dass es unter den Ärzt:innen viele Vorbilder gibt: 52,5 % übertreffen die Empfehlung der WHO sogar, weitere 25,9 % erreichen diese Ziele ebenfalls in vielen Wochen. 12 % der Ärzt:innen sind regelmäßig sportlich aktiv, wenn auch nicht in diesem Ausmaß. Und nur 9,5 % der Teilnehmer:innen an der Umfrage gaben an, dass sie überhaupt keinen Sport betreiben. In den freien Antworten gab es dann noch einige Einblicke in das Sportprogramm der Ärzteschaft: Von einem Mix aus Ausdauer, Kraft und Stabilität ist hier die Rede. Andere Ärzt:innen setzen vor allem aufs Gehen – auf bis zu 12 Kilometer pro Tag kommen manche sogar. EPIKRISE Kurze Nachrichten aus der Redaktion Soziale Medien: X/Twitter: www.twitter.com/ AERZTE_NEWS Facebook: www.facebook. com/aerztekammer.stmk/ und Facebook-Gruppe für steirische Ärztinnen und Ärzte Youtube: AERZTE_NEWS Instagram: www.instagram. com/aerztekammerstmk Foto: envato ImageGen Wie viel Sport machen Sie persönlich pro Woche? AERZTE Frage des Monats: Wie viel Sport machen Sie persönlich pro Woche? Mehr als die WHO-Empfehlung. In vielen Wochen erreiche ich dieses Ziel. Ich bleibe unter diesen Werten. Ich mache gar keinen Sport. Teilnehmer:innen: 158 DAS BILD DES MONATS. Happy birthday GFT! Die „Grazer Fortbildungstage“ gingen heuer bereits zum 35. Mal über die Bühne – ein beeindruckendes Jubiläum, zu dem die Ärztekammer für Steiermark den Teilnehmer:innen ein gewohnt vielfältiges und hochkarätiges Programm bot. 12 % 9,5 % 25,9 % 52,5 %

6 ÆRZTE Steiermark || 10|2025 BEREICH INTRA KONT A DEBATTE Lejla Pock Chancen und Herrausforderungen Die Steiermark gilt zu Recht als „Life Science Hotspot“. Mit einer F&E-Quote von über 5 % zählt unser Bundesland zu den europäischen Spitzenreitern. Mehr als 150 Unternehmen, zahlreiche Start-ups und international sichtbare Forschungseinrichtungen wie die Med Uni Graz oder Joanneum Research bilden ein dynamisches Ökosystem, das von Medizintechnik über Biotechnologie bis hin zu Digital Health reicht. Dieses Zusammenspiel aus Wissenschaft, Wirtschaft und Versorgung schafft enorme Innovationskraft – und macht die Steiermark zum idealen Standort, um neue Therapien und Versorgungsansätze, technologiebasierte Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln. Auch für niedergelassene Ärztinnen und Ärzte eröffnen steirische Innovationen konkrete Chancen: Digitale Tools, telemedizinische Lösungen oder auch KI-gestützte Diagnostik verändern die medizinische Praxis, können z. B. die Befundübermittlung erleichtern, Wartezeiten verkürzen und neue Formen der Patientensteuerung ermöglichen. Innovative Medizintechnik – etwa bei der bildgebenden Diagnostik oder bei Point-of-Care-Tests – unterstützt eine präzisere Versorgung im niedergelassenen Bereich. Und neue Versorgungsmodelle, die auf Vernetzung und Datennutzung setzen, können helfen, die Schnittstellen zwischen Praxis, Spital und Pflege zu entlasten. Doch bei aller Stärke gibt es Herausforderungen. Zu oft bleiben Innovationen auf Pilotprojekte beschränkt. Was fehlt, ist ein konsequenter Transfer in die Breite – nicht zuletzt, weil Strukturen und Zuständigkeiten im österreichischen Gesundheitswesen komplex und fragmentiert sind. Auch bei der Nutzung von Gesundheitsdaten liegen Chancen brach: Für Forschung wie für die tägliche Praxis wären durchgängige, sichere Datenräume entscheidend. Die Steiermark hat alles, um ein Vorreiter in Life Sciences und Health zu sein: Spitzenforschung, Unternehmergeist, eine wachsende Community. Wenn es gelingt, Brücken zwischen Entwicklung und Anwendung zu schlagen – von der Klinik bis zur Ordination –, dann profitieren nicht nur internationale Märkte, sondern vor allem Patientinnen und Patienten hierzulande. Lejla Pock Geschäftsführerin des Cluster Humantechnologie Styria Gerhard Postl Etappenziel erreicht! Die Ärzteschaft in der Steiermark darf richtig stolz sein: Bei der aktuellen Ausbildungsevaluierung der Österreichischen Ärztekammer erhielt die Qualität der Ausbildung in den steirischen Spitälern erneut ein sehr gutes Zeugnis. In der Gesamtbewertung durch die sich in Ausbildung befindlichen Ärzt:innen konnte sich die Steiermark mit 4,74 – von maximal 6,0 – gegenüber 2024 weiter verbessern und liegt damit über dem österreichweiten Schnitt von 4,69. Gleichzeitig nimmt die Anzahl der schlecht bewerteten Abteilungen weiter ab. Hervorzuheben ist auch, dass der Rücklauf der ausgefüllten Fragebögen auf 56 Prozent gesteigert werden konnte – das sind um 19 Prozent mehr als 2024! Ein tolles Ergebnis, für das ich mich bei allen bedanken möchte, die sich dafür engagiert und das möglich gemacht haben. Dass die Bewertung trotz gestiegener Teilnahme verbessert werden konnte, zeigt eindrücklich, dass die ärztliche Ausbildung in der Steiermark ein sehr gutes Niveau hat. Zugleich haben wir damit ein Etappenziel erreicht, das wir uns vor 3 Jahren bei der Einführung der neuen Evaluierung mit der ETH Zürich gesetzt hatten: Dieses Instrument als wichtigen Bestandteil der Qualitätssicherung zu etablieren. Wir als Standesvertretung werden uns aber keineswegs auf diesen erfreulichen Resultaten ausruhen, sondern weiter daran arbeiten, die Qualität der Ausbildung auf diesem hohen Niveau abzusichern und kontinuierlich zu verbessern. Denn nur eine gute Ausbildung ist der solide Grundstein für die künftige Besetzbarkeit von Ausbildungsstellen und sichert die Gesundheitsversorgung in der Steiermark. Dr. Gerhard Postl ist Obmann-Stellvertreter der Kurie Angestellte Ärzte

BEREICH ÆRZTE Steiermark || 10|2025 7 Das Bild der Ärzteschaft in der Öffentlichkeit ist ein hohes Gut – und zugleich ein sensibles. Wir erleben täglich, wie groß das Vertrauen ist, das Patientinnen und Patienten uns entgegenbringen. Dieses Vertrauen ist die Grundlage jeder gelingenden Behandlung, der Akzeptanz medizinischer Entscheidungen und des Rückhalts für unseren Berufsstand. Doch wir wissen auch: Vertrauen ist keine Selbstverständlichkeit. Medienberichte, politische Debatten und persönliche Erfahrungen prägen das Image der Medizin – manchmal konstruktiv, manchmal verzerrt. Gerade deshalb dürfen wir das Bild unserer Profession nicht allein anderen überlassen. Eine Imagekampagne ist kein Selbstzweck, sondern Ausdruck von Verantwortung. Sie schafft Transparenz darüber, wofür Ärztinnen und Ärzte stehen: für hohe fachliche Qualität, für Menschlichkeit, für die Bereitschaft, Verantwortung zu tragen – oft auch unter schwierigen Rahmenbedingungen. Wir wollen zeigen, was uns antreibt. Es geht um Verständigung, nicht um Selbstdarstellung. Nur wer versteht, was unseren Berufsalltag prägt, kann nachvollziehen, warum wir Veränderungen im Gesundheitssystem einfordern. Ärztinnen und Ärzte stehen jeden Tag an der Seite derer, die Hilfe brauchen – und sorgen zugleich dafür, dass auch jene gut versorgt sind, die gesund bleiben wollen. Medizin betrifft uns alle. Wir arbeiten für Menschen, nicht für Strukturen. Damit das gelingt, brauchen wir das Vertrauen und die Unterstützung der gesamten Gesellschaft. Vertrauen entsteht im Miteinander – im Gespräch, im Alltag, in Momenten der Unsicherheit. Es verbindet uns mit den Menschen, die wir behandeln, und mit jenen, die wissen wollen, dass sie sich im Ernstfall auf uns verlassen können. Unser Ziel ist ein Bild der Ärzteschaft, das glaubwürdig und positiv bleibt: Ärztinnen und Ärzte sind nicht unfehlbar, aber sie sind – mit Professionalität, Haltung und Engagement – immer an Ihrer Seite. Dr. Michael Sacherer ist Präsident der Ärztekammer Steiermark Wenn die Krankenkasse den Ärzt:innen für eine Blutabnahme aus der Vene gerade einmal 2,18 Euro bezahlt – und viele andere ärztliche Leistungen überhaupt nicht honoriert werden – dann ist das definitiv kein Gesundheitssystem auf Augenhöhe. Das ist ein System auf Kosten der niedergelassenen Ärzt:innen. Und letztlich auch auf Kosten der Patient:innen. Denn den unvermeidlichen Rattenschwanz an Folgen kennen wir leider bereits aus der Realität: Eine unfaire Honorierung der Leistungen sorgt bei den niedergelassenen Ärzt:innen – angesichts der steigenden Kosten und Löhne – für mehr (wirtschaftlichen) Druck. Und damit auch für weniger Zeit für das Patientengespräch, für längere Wartezeiten und letztlich für überfüllte Spitalsambulanzen. In den Verhandlungen mit der Kasse haben wir kürzlich ein finales und konstruktives Angebot vorgelegt, das von deren Vertreter:innen jedoch nicht angenommen wurde. Damit gibt es keine Einigung über den Abschluss für das Jahr 2025 und die Tarifautomatik in der Höhe von 4,29 % für 2025 ist in Kraft getreten. Eines ist mir persönlich dabei besonders wichtig zu betonen: Bei allen Verhandlungen mit der ÖGK geht es um mehr als Zahlen. Es geht um Fairness. Um Zukunft. Und um die nachhaltige Sicherung unseres Gesundheitssystems. Die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte halten das System am Laufen. Vor allem Hausarzt-Ordinationen sind die erste Anlaufstelle für Patient:innen und nehmen auch eine Schlüsselposition in der nachhaltigen Patientenlenkung ein. Aus diesem Grund müssen wir die niedergelassenen Allgemeinmediziner:innen und Fachärzt:innen in den Ordinationen stärken. Die Kurie der niedergelassenen Ärzt:innen kämpft deshalb mit Nachdruck für faire Honorare – weil es alle betrifft: von der Jungärztin über den Spitalskollegen bis zur Patientin auf dem Land. Faire Bezahlung ist kein Bonus. Sie ist die Voraussetzung für eine gesunde Versorgung. Vizepräsident Prof. Dr. Dietmar Bayer ist Obmann der Kurie Niedergelassene Ärzte EXTRA Dietmar Bayer Faire Bezahlung ist kein Bonus STANDORTBESTIMMUNG Michael Sacherer Vertrauen ist unsere wichtigste Ressource DEBATTE Fotos: Luef, Schiffer (3), flaticon, Unique Fessler

Zwischen der ersten Zulassung von Frauen für das Medizinstudium im Jahr 1900 und aktuell 3.605 Ärztinnen in der Steiermark, also 51,07 % der Ärzteschaft, liegt allerdings kein geradliniger Weg. Die Autorin Birgit Kofler-Bettschart beleuchtet in einem neuen Buch die Lebenswege der Pionierinnen, ihre Herausforderungen und Errungenschaften. Ebenso geht es darin um die Hürden, verschlossenen Türen, bürokratischen Hindernisse und gesellschaftlichen Widerstände, denen die Frauen in diesem Zusammenhang auch in vielen Jahrzehnten danach noch gegenüberstanden. Kofler-Bettschart liefert Einblicke in die Geschichte – vom Kampf der Frauen um Kassenverträge bis zu Anstellungen im Spital, von der Katastrophe der NS-Zeit bis zu den zähen Kämpfen um Gleichberechtigung in einer männlich dominierten Medizin, vom Aufbruch in den 1970er-Jahren bis zur Institutionalisierung der Geschlechtergerechtigkeit an den Universitäten. Was war für Sie der Auslöser für das Buch? Birgit Kofler-Bettschart: Durch das Jubiläum im heurigen Jahr habe ich mich mit dem Thema beschäftigt. Ganz grundsätzlich interessieren mich Geschichten von Pionierinnen und Vorkämpferinnen. Die Entwicklungen in der Medizin sind sinnbildhaft für die Entwicklung der Frauenrechte. Medizinerinnen waren auch bei der Frauenwahlrechtsbewegung vorne dabei. Mit dem Buch wollte ich zudem Frauen vor den Vorhang holen, die Wichtiges geleistet haben, aber vergessen wurden. Mit der Zulassung zum Studium war es ja noch nicht getan. Was waren weitere Meilensteine? Die Entwicklung verlief vielleicht weniger in Meilensteinen als kontinuierlich, und sie war vor allem der permanenten Hartnäckigkeit der Frauen zu verdanken. Ein roter Faden, den ich in der Recherche erlebt habe, ist, dass jedem Erfolg, den die Medizinerinnen erzielt haben, so- „Und bei allem war man die Erste! Die Erste, die diese oder jene Vorlesung besuchte, die Erste, die im anatomischen Seziersaal das Messer handhabt“, sagte Dora Teleky 1912 in „Neues Frauenleben“ über ihr Studium. Sie gehörte zu den ersten weiblichen Medizinstudierenden in Österreich – heute bilden Frauen die Hälfte der Ärzteschaft. Foto: Nicholas Bettschart, Ampuls Verlag Ein Wendepunkt in der Medizingeschichte 8 ÆRZTE Steiermark || 10|2025 COVER

Fotos: Steiermärkisches Landesarchiv fort die nächste verschlossene Tür, die nächste Hürde folgte. Wenn wir über spezielle Meilensteine sprechen, war hier sicher die Zulassung von Frauen zum bezahlten Spitalsdienst wichtig, denn zuerst durften sie nur unbezahlt tätig sein, ebenso die Zulassung zur Habilitation, die ersten Professorinnen. Einen Sprung gab es in den 1990er-Jahren mit den gesetzlichen Vorgaben, Positionen geschlechtersensibel zu besetzen, und später mit den Maßnahmen der positiven Diskriminierung: Bei gleicher Qualifika- tion mussten Frauen bevorzugt werden. Viele solcher Sprünge wurden nur durch gesetzliche Maßnahmen möglich – das ist eine zentrale Lehre. Es gab sehr unterschiedliche Hürden zu meistern … Ja, die ersten Frauen, die ein Studium aufnahmen, hatten es sehr schwer, weil sie unter ständiger Beobachtung standen. Man wartete geradezu darauf, dass sie scheitern, dass sie „umfallen“. Im Ersten Weltkrieg waren Frauen plötzlich gefragt, weil viele Männer im Krieg waren. Doch sobald diese zurückkehrten, mussten die Frauen ihre Plätze wieder räumen – das muss unglaublich frustrierend gewesen sein. Wie hat sich die NS-Zeit auf die Ärztinnen ausgewirkt? Der Nationalsozialismus hat viele Medizinerinnen besonders hart getroffen, denn unter ihnen waren viele Jüdinnen und politisch engagierte Frauen. Das hat eine dramatische Spur der Verfolgung und Vernichtung hinterlassen. Diskriminierung fand aber auch noch viel später und findet auch heute noch statt. Ja, davon gibt es unzählige Beispiele. Die erste ordentliche Professorin in einem chirurgischen Fach zum Beispiel: Für viele Männer brach da eine Welt zusammen. Sie haben sich einiges einfallen lassen, um solche Entwicklungen zu verhindern. Welche Frauen haben Sie bei der Recherche besonders fasziniert? Es ist schwer, einzelne herauszugreifen, bei so vielen spannenden Frauen. Aber eine besondere Persönlichkeit ist sicher Gabriele Possanner von Ehrenthal, die 1897 als erste Frau in der österreichischungarischen Monarchie in Wien zur Doktorin der Medizin promovierte. In der Steiermark ist auf jeden Fall die Histologin Dora Boerner-Patzelt zu nennen, die erste habiÆRZTE Steiermark || 10|2025 9 COVER In Graz promovierte am 25. Juli 1905 Maria Schuhmeister als erste Frau zur Doktorin der gesamten Heilkunde. Ab 1907 war sie als eine der ersten Spitalsärztinnen Österreichs in Baden bei Wien tätig und wanderte 1912 nach Amerika aus. Maria Schuhmeister Die zweite Medizin-Promovierte in Graz war Oktavia Rollett (später verheiratete Aigner). Sie begann als unbezahlte Hilfsärztin am Allgemeinen Krankenhaus Graz und eröffnete 1907 in der Humboldtstraße ihre Ordination – als erste niedergelassene Ärztin der Steiermark. Oktavia Rollett Österreichweit die erste Frauenhabilitation erfolgte in Graz: Dora Boerner-Patzelt wurde 1929 als Privatdozentin für Histologie und Embryologie die erste Ärztin im Lehrkörper der Uni Graz. Hedwig Cades ist bemerkenswert, da sie 1888 als uneheliches Kind einer Köchin in Graz geboren wurde, also vom sozialen Milieu her die absolute Ausnahme unter den frühen Medizinerinnen. 1915 wurde sie zur Sekundarärztin an der Infektionsabteilung am LKH Graz ernannt. Dora Boerner-Patzelt Hedwig Cades

COVER Foto: Steiermärkisches Landesarchiv litierte Medizinerin. Da war die Universität Graz vorne dabei. Oktavia Rollett ist hervorzuheben, die erste niedergelassene Ärztin in der Steiermark. Generell haben sich diese Frauen auch jenseits der Medizin stark für Frauenrechte eingesetzt, auch dafür ist Rollett ein gutes Beispiel. „Bringen Sie mir Ihren Uterus im Glas“ – die in Ihrem Buch zitierte Aussage gegenüber einer Ärztin in einem Vorstellungsgespräch zeigt ein weiteres Thema der Diskriminierung auf. Und da reden wir über die 1990er-Jahre. Heute ist die Sensibilität höher, man wird so schamlose Kommentare hoffentlich nicht mehr hören, aber das Thema schwingt immer noch mit. Doch wir dürfen auch nicht vergessen, was alles erreicht wurde: Heute sind 50 % der Ärzteschaft weiblich und an den 3 Med Unis in Österreich haben wir 30 % ordentliche Professorinnen. Man muss die Fortschritte sehen, aber es bleibt andererseits noch genug zu tun – Carearbeit und Kinderbetreuung bleiben Themen und hindern Frauen mehr als Männer daran, Karriere zu machen oder Vollzeit zu arbeiten. Wir haben – was die Gleichstellung betrifft – noch nicht alles erledigt! 1912 promovierte die aus Laibach stammende Lydia Moschek in Graz. Mit einer internistischen Ordination wurde sie zur zweiten selbstständigen Grazer Ärztin. 1913 wurde sie aufgrund der neuen Rechtslage zur Sekundarärztin im Grazer LKH, kurz nach Gabriele Pohl-Drasch. Lydia Moschek Grete Singer wurde 1920 erste Kinderärztin in Graz, nachdem sie an der chirurgischen Abteilung des Anna-Kinderspitals in Graz volontiert und sich in Wien und Berlin weitergebildet hatte. Die Gynäkologin Amalie Bendiner, 1907 in Graz geboren und 1931 promoviert, floh 1938, fiel jedoch während der deutschen Besetzung Frankreichs dem NS-Terror zum Opfer. Grete Singer Amalie Bendiner 10 ÆRZTE Steiermark || 10|2025 Die aus der erzwungenen Emigration zurückgekehrte Carla Zawisch-Ossenitz übernahm nach dem 2. Weltkrieg die Leitung des Instituts für Histologie und Embryologie. Sie wurde 1949 erste ordentliche Professorin der Uni Graz. Carla Zawisch-Ossenitz

LONGEVITY ÆRZTE Steiermark || 10|2025 11 Fotos: envato/oneinchpunchphotos Forever Young? Medizin für ein langes, gesundes Leben In den letzten Jahren ist die Forschung zum Thema „Longevity“ stark gewachsen. Im Fokus stehen dabei sowohl Lebensstilfaktoren wie Ernährung und Bewegung als auch Medikamente, die ursprünglich für andere Erkrankungen entwickelt wurden. DR. GERHARD WIRNSBERGER Ein Ansatz, der in Studien untersucht wird, ist die gezielte Reduktion der täglichen Kalorienzufuhr. Die CALERIE-Studie konnte zeigen, dass Menschen, die ihre Kalorienzufuhr über 2 Jahre leicht verringerten, langsamer alterten, zumindest auf molekularer Ebene. Diese Veränderungen betrafen sogenannte epigenetische Marker, die mit dem Alterungsprozess in Zusammenhang stehen. Ob das tatsächlich zu weniger Erkrankungen oder längerer Lebenszeit führt, ist allerdings noch unklar. Intermittierendes Fasten Sinnvoll oder riskant? Das zeitlich begrenzte Essen wird derzeit intensiv diskutiert. Während manche Studien auf positive Stoffwechseleffekte hinweisen, gibt es auch Hinweise auf potenzielle Risiken; unter anderem war in einigen Beobachtungsstudien mit einem sehr kurzen täglichen Essfenster (unter 8 Stunden) bei bekannten HerzKreislauf-Erkrankungen eine erhöhte Sterblichkeit zu beobachten. Medikamente Einige ursprünglich für andere Indikationen entwickelten Medikamente rücken vermehrt in den Fokus der Altersmedizin, da sie alterungsbedingte Prozesse positiv beeinflussen könnten. Ein Beispiel ist „mTOR Inhibitor Everolimus“, ein seit Jahrzehnten erfolgreich eingesetztes Immunsuppressivum. Studien zeigen, dass eine niedrig dosierte Gabe bei älteren Personen die Immunantwort auf Impfungen verbessern kann. Einen weiteren experimentellen Ansatz stellen Senolytika dar. Diese zielen auf die Elimination seneszenter Zellen, die entzündungsfördernd wirken und altersassoziierte Erkrankungen begünstigen („Inflam Aging“). Auch Medikamente aus der Herz-Kreislauf-Medizin, etwa SGLT2-Hemmer, werden derzeit intensiv auf ihre mögliche „geroprotektive“ Wirkung hin untersucht. Sehr viel Aufmerksamkeit erhält die geplante TAMEStudie, in der untersucht werden soll, ob Metformin, ein bewährtes Antidiabetikum, den Alterungsprozess verlangsamen kann. Was wir tun können Trotz vieler spannender Forschungsansätze bleibt die klassische Prävention der wichtigste Hebel für gesundes Altern. Dazu gehören regelmäßige körperliche Aktivität, die Kontrolle von Blutdruck, Blutzucker und Blutfetten, der Rauchverzicht und eine ausgewogene, mediterrane Ernährung mit ausreichender Eiweißzufuhr. Fazit Die „Longevity Medizin“ eröffnet neue Perspektiven im Verständnis des Alterns und könnte künftig therapeutische Optionen erweitern. Aktuell befinden sich die meisten Ansätze jedoch noch im experimentellen Stadium. Für die Praxis bedeutet das: Bewährte Maßnahmen der Prävention bleiben die Grundlage jeder ärztlichen Empfehlung.

12 ÆRZTE Steiermark || 10|2025 BUCH-TIPP Eine Professorin für Zellbiologie und eine Allgemeinmedizinerin erklären anschaulich und verständlich das Gesamtkonzept eines langen und gesunden Lebens – so lässt sich das Konzept des neuen Buchs auf den Punkt bringen. Ausgangspunkt war ein Podcast, zu dem Kristina Hütter-Klepp und Corina Madreiter-Sokolowski eingeladen wurden, ohne sich zuvor zu kennen. Longevity „Daraus entstand die Idee für das Buch, indem wir erklären, was Altern auf wissenschaftlicher Ebene heißt. Wir gehen zum Beispiel auf epigenetische Uhren und Testverfahren ein. Im zweiten Teil widmen wir uns mit Fachexpert:innen jedem einzelnen Organsystem undzeigen evidenzbasierte Strategien, um Funktion und Gesundheit möglichst lange zu erhalten“, erzählt HütterKlepp. Dabei bleibt man nicht nur an der Oberfläche, sondern geht ins Detail: „Sowohl Kolleg:innen, die sich wissenschaftlich vertiefen wollen, finden neue Informationen, als auch Laien, für die es am Ende jedes Kapitels einen Wegweiser zu den konkreten Umsetzungen gibt.“ HütterKlepp sieht auch die Jugend als Zielgruppe für das Buch, schließlich habe diese durch die sozialen Medien zahlreiche Berührungspunkte mit Themen bzw. Hashtags wie Longevity und Bio- hacking. Deshalb ist es ihr auch so wichtig, dass die wissenschaftliche Evidenz im Buch – im Gegensatz zu manchen Trends im Internet – die Hauptrolle spielt. Lebensstilfaktoren Doch wie klappt das mit dem Jungbleiben denn nun konkret? „Wir können unsere gesunde Lebensspanne um über 20 Jahre verlängern, wenn wir an unseren Lebensstilfaktoren arbeiten. Sie haben viel mehr Einfluss auf unseren Körper und unsere Gesundheit als wir mit Supplements je bewirken könnten“, sagt Kristina Hütter-Klepp. „Ungefähr 10 bis 30 % unserer gesundheitlichen Konstitution sind genetisch bedingt, doch den Rest haben wir durch unsere Lebensführung selbst in der Hand.“ Sogar bei einer genetischen Veranlagung, die zu Risiken wie einem Herzinfarkt führen kann, kann man durch den Lebensstil extrem viel beeinflussen. Anhand von Fallbeispielen aus dem Praxisalltag und der Altersforschung erklären die beiden Expertinnen was man frühzeitig tun kann, um auch im hohen Alter fit zu sein. Sie greifen auf aktuelle Forschungsergebnisse und innovative Ansätze der LongevityMedizin zurück und stellen Wir haben es großteils selbst in der Hand, unsere gesunde Lebensspanne um über 20 Jahre zu verlängern, sagt Kristina Hütter-Klepp. Im Buch „Der Code zum Jungbleiben“ verrät sie gemeinsam mit Wissenschaftlerin Corina Madreiter-Sokolowski wie das geht. Foto: Christian Jungwirth Zwei Expertinnen knacken den „Code zum Jungbleiben“

BUCH-TIPP ÆRZTE Steiermark || 10|2025 13 Foto: Springer, Privat konkrete Anti-Aging-Strategien vor, die ganz gezielt die einzelnen Organfunktionen verbessern. Soziale Kontakte Eine große Rolle für unsere Gesundheit spielen übrigens die sozialen Kontakte: „Die sind lebenswichtig“, betont die Allgemeinmedizinerin. Gespräche und der Austausch mit anderen regen verschiedene Gehirnareale an, fördern Konzentration, Gedächtnis und Sprachvermögen und können so vor Demenz schützen. Auch unsere Sinnesorgane werden durch alle sozialen Interaktionen geschärft und wir nehmen durch den Austausch viel mehr wahr, als wenn wir alleine sind. Das Alter als Höhepunkt Insgesamt sollten wir das Alter auf jeden Fall als einen weiteren Höhepunkt betrachten, ist es Hütter-Klepp ein Anliegen zu betonen. Wichtig sei es, in diesem Lebensabschnitt aktiv zu sein: „Man braucht ein Ziel, sei es die Beschäftigung im Garten, soziales Engagement oder einen Buchclub, ganz egal. Das sehe ich in meiner Ordination: Gesund und stabil altern jene, die zum Beispiel regelmäßig für ihre Enkelkinder kochen.“ Wer noch eine Rolle hat, steht weiter mitten im Leben – und das kann man ruhig auch wörtlich nehmen: Oft werden Schauspieler:innen bewundert, dass sie im Alter noch auf der Bühne stehen und lange Texte rezitieren können. Aber wer aktiv ist, altert einfach langsamer. Negativ wirkt es sich hingegen auf die Gesundheit aus, wenn man sich nur mehr dem Gefühl hingibt, dass alles dem Ende zugeht. Gender-Medizin Long Covid widmen sich Hütter-Klepp und MadreiterSokolowski ebenfalls. „Wir wissen, dass nicht jeder unsere Empfehlungen umsetzen kann. Wenn man etwa an Krankheitsbilder wie Long Covid denkt, die wissenschaftlich noch nicht allumfassend geklärt sind. Diese Erkrankung begleitet mich auch in der Hausarztordination.“ Ebenso war der Wahlärztin das Thema GenderMedizin ein Anliegen: „Das reicht von geschlechterspezifisch unterschiedlichen Krankheiten bis zur Tatsache, dass Medikamente bei Frauen und Männern unterschiedlich wirken.“ Apropos Frauen: Epigenetische Studien zeigen, dass sich das biologische Alter während einer Schwangerschaft vorübergehend erhöht, sich danach aber wieder zurückbildet. Und wie lebt man eigentlich selbst, wenn man so viel über den Code zum Jungbleiben weiß? „Bewusster“, schmunzelt Kristina Hütter-Klepp: „Seit Corina und ich begonnen haben, an diesem Buch zu schreiben und uns intensiv mit den Themen auseinandergesetzt haben, hat sich das auch auf unser Leben ausgewirkt – auch wenn wir etwa immer schon sportlich waren. Aber zum Beispiel Alkohol – darauf hat man einfach keine Lust mehr, wenn man sich mit den Auswirkungen auseinandersetzt. Die Datenlage ist einfach signifikant.“ esem Buch treffen sich Grundlagenwissenschaft und emeinmedizin. Professorin für Zellbiologie und eine Allgemeinmedizinerin erklären anlich und verständlich das Gesamtkonzept eines langen und gesunden LeAnhand von Fallbeispielen aus dem Praxisalltag und der Altersforschung ern sie die biologischen Prozesse des Alterns und was man frühzeitig tun um auch im hohen Alter fit zu sein. terventionen werden neben Ernährung und Sport auch der Einfluss von en Kontakten, das Erkennen und Vermeiden von Risikofaktoren sowie otential von pharmakologischen Interventionen diskutiert. Die Autorinreifen dabei auf aktuelle Forschungsergebnisse und innovative Ansätze ongevity-Medizin zurück und stellen gemeinsam mit Expert*innen unhiedlicher Fachrichtungen konkrete Anti-Aging-Strategien zur gezielten sserung der Organfunktionen vor. uch für alle, die schon heute verstehen wollen, wie sie morgen jung bleiben das enorme Potenzial der medizinischen Wissenschaft für ein langes und des Leben nutzen wollen. nnen Prof. Priv.Doz. Mag. pharm. Corina Madreiter-Sokolowski, Ph.D., Leiterin Forschungsgruppe am Lehrstuhl für Molekularbiologie und Biochemie edizinischen Universität Graz d. univ. Kristina Hütter-Klepp, Fachärztin für Allgemein- und Familienmein eigener Praxis in Graz Der Code zum Jungbleiben Madreiter-Sokolowski · Hütter-Klepp Der Code zum Jungbleiben Zellbiologische und medizinische Perspektiven auf die Langlebigkeit Corina Madreiter-Sokolowski Kristina Hütter-Klepp 83662 712764 N 978-3-662-71276-4 „Der Code zum Jungbleiben – Zellbiologische und medizinische Perspektiven auf die Langlebigkeit“ von Kristina Hütter-Klepp und Corina Madreiter-Sokolowski erscheint Ende des Jahres im Springer-Verlage. Weitere Infos:

14 ÆRZTE Steiermark || 10|2025 Mit voller Kraft: Impulse für Sport und Sportärzt:innen SPORTÄRZT:INNEN Die Steiermark ist in Bewegung: Rund 2.300 Vereine mit rund 380.000 Mitgliedern sind alleine in den 3 Dachverbänden ASKÖ, ASVÖ und Sportunion sportlich aktiv. „Die Steiermark ist auf jeden Fall gut aufgestellt“, meint Gerhard Postl, Vorstandsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention (ÖGSMP) und Sportärztereferent der Ärztekammer Steiermark. Es gebe unter anderem eine Vielzahl an großen Sport-Events, fördern müsse man auf jeden Fall den Breitensport: „Die, die Sport machen, machen ihn sowieso. Man muss aber auch die anderen ins Boot holen.“ Hier gelte es, vor allem bei der Jugend anzusetzen. „Wer in der Jugend sportlich aktiv ist, macht das auch im Laufe seines weiteren Lebens. Da kann man auch zwischendurch sportlich pausieren, aber der Körper erinnert sich. Was man in der Jugend sät, kann man später ernten.“ EKG bei Jugendlichen Entwicklungen wie der große Trend zum Fitnessstudio bei den Jungen seien in diesem Zusammenhang natürlich positiv zu sehen, „aber es dürfen nicht nur das Aussehen und Bodyshaping für Instagram im Zentrum stehen“. Am besten sei es schließlich, wenn Kinder polysportiv geschult werden – „auch als Basis für Top-Leistungen im Leistungssport, das ist mittlerweile bekannt“. In diesem Zusammenhang stößt Gerhard Postl ein Thema besonders auf: „Ein EKG bei jugendlichen Leistungs- oder Kadersportler:innen ist in einigen Ländern obligat, wird bei uns aber nicht von der Kasse bezahlt, sondern maximal von einzelnen Verbänden. Dabei ist eine solche Maßnahme klar protektiv. Ein Screening wäre absolut sinnvoll, wenn wir an Auswirkungen wie den plötzlichen Herztod bei Sportlern denken. Einige Fälle könnte man durch entsprechende Voruntersuchungen verhindern. Jene Jugendliche, die sehr ambitioniert trainieren, sollten für eine sportmedizinische Untersuchung zumindest einmal bei einem Sportarzt vorgestellt werden. Nicht zu vergessen sind in diesem Zusammenhang ältere Personen, die mit sportlichen Aktivitäten beginnen oder nach Jahren wieder einsteigen.“ Zeitfaktor Beratung Prinzipiell ist erwiesen, dass Sport ein Medikament ist – und zwar ein sehr wirksames. Foto: Schiffer Vom Graz-Marathon über das Altstadtkriterium bis zu Schi-Events ins Schladming – die Steiermark ist sportlich gut aufgestellt. Wichtig wären Weiterentwicklungen bei Leistungen und Ausbildungen von Sportärzt:innen. Ziel der ÖGSMP: die Implementierung eines eigenen Facharztes. „Wir kämpfen für die Implementierung eines eigenen Facharztes – nicht in Konkurrenz zu den Ärzt:innen mit dem Sportärztediplom sondern als Ergänzung dazu.“ Gerhard Postl Vorstandsmitglied Ö. Ges. für Sportmedizin u. Sportärztereferent Ärztekammer Steiermark

Foto: envato/LightFieldStudios SPORTÄRZT:INNEN „Vor allem Ausdauersport ist meist wirksamer als Medikamente zur Blutdrucksenkung, da damit im Normalfall ein anderer Lebensstil einhergeht“, weiß Postl. Auch die positiven Auswirkung auf die psychische Gesundheit sei nicht zu unterschätzen. Maßnahmen wie sie das Land Steiermark in der kürzlich präsentierten Sport- und Bewegungsstrategie 2040 nennt, seien wichtig, hier sei die Politik definitiv gefordert, Maßnahmen und Förderungen zu setzen. „Auch die niedergelassenen Ärzt:innen spielen eine große Rolle, aber sie haben es extrem schwer, weil sie ohnehin überlastet sind. Eine sportmedizinische Beratung braucht Zeit und die haben sie oft nicht. Bei solchen Gesprächen gibt es viele Fragen – zu Sportarten, Pulsfrequenzen, Intervallen, ... Da sitzt man locker eine halbe bis dreiviertel Stunde, da es um Beratung geht und darum, bei nicht sportlich Aktiven Überzeugungsarbeit zu leisten.“ Ziel: Facharzt Generell verfügt die Steiermark mit 281 Ärzt:innen mit einem Sportärztediplom über verhältnismäßig viele Sportärzt:innen. „Wofür wir aber mit der Österreichischen Gesellschaft für Sportmedizin kämpfen, ist die Implementierung eines eigenen Facharztes – nicht in Konkurrenz zu den Ärzt:innen mit dem Sportärztediplom sondern als Ergänzung dazu“, wünscht sich Postl eine Angleichung an andere europäische Länder. Außerdem setzt man sich massiv dafür ein, dass die sportmedizinischen Leistungen künftig von der ÖGK abgegolten werden. In manchen Bundesländern gibt es hier Zuzahlungen, nicht jedoch in der Steiermark. Es gilt jetzt zukunftsweisend zu agieren und hier einen wichtigen Schritt zu tun: „Das sollte definitiv weiterentwickelt werden, denn gerade bei Jugendlichen zwischen 10 und 18 Jahren sehe ich diese Leistungen als eine Investition in die Zukunft. Man kann Probleme wie kleine Herzfehler entdecken und frühzeitig behandeln – das wäre auch im Großen gesehen für die Gesundheit der Gesellschaft ein Gewinn.“ ÆRZTE Steiermark || 10|2025 15 ÖÄK-Diplom Sportmedizin Das Diplom hat das Ziel, sportmedizinisch interessierten Ärzt:innen praxisrelevantes Wissen über dieses interdisziplinäre Fach zu vermitteln. Innerhalb von 3 Jahren sind 120 Theorie- und 60 Praxis-Unterrichtseinheiten zu absolvieren. In der Theorie werden u. a. der internistisch-physiologischpädiatrische Bereich und der orthopädisch-traumatologischphysikalische Bereich abgedeckt. Außerdem ist die Absolvierung von Ärztesport nachzuweisen und die sportärztliche Betreuung eines Sportvereins. Die nächsten Sportärztetage Die Ärztekammer für Steiermark veranstaltet jährlich 2 Sportärztetage. Im Dezember finden diese unter der Leitung von Dr. Engelbert Wallenböck in Ramsau am Dachstein und im Juni unter der Leitung von Prof. Dr. Peter Schober in Seggau statt. Für den nächsten Termin von 6. bis 8. Dezember 2025 ist die Anmeldung noch möglich. Anmeldung & Info unter www.med.or.at/ramsau

16 ÆRZTE Steiermark || 10|2025 TAG DER SEELISCHEN GESUNDHEIT „Die Zahl der Angststörungen hat sich in den letzten 5 Jahren vervielfacht. Kamen früher vielleicht 5 bis 10 Patienten mit dieser Diagnose pro Woche in meine Kassenpraxis, sind es heute mindestens 50.“ Es ist starker Tobak, mit dem die steirische Psychiaterin Astrid Maierhofer-Deutschmann das Gespräch eröffnet. Wenig überraschend kann sie auch die medizinischen Ursachen dafür benennen. Bewusster Umgang Araberhengste galoppieren ausgelassen über ihre weitläufige Weide, 11 gerettete Ziegenböcke von – für den Laien – erstaunlicher Größe kommen angerannt, um ihre Besitzerin und Besucher zu begrüßen, wenigstens 2 der 5 Katzen tun dasselbe. Es wird wohl kein Zufall sein, dass die eloquente Frau in legerer Kleidung ihren Kraftort für das Gespräch ausgewählt hat. Denn natürlich arbeite sie nicht nur mit ihren Patient:innen an deren Wohlbefinden, sondern gehe auch bewusst mit sich selbst um, sagt sie. Aber rasch wird aus dem einleitenden Geplauder Seelische Gesundheit: Warum wir positiven Input brauchen Zum „Tag der seelischen Gesundheit“ im Oktober spricht Psychiaterin Astrid Maierhofer-Deutschmann über die gesellschaftliche Entwicklung, die Bedeutung des Hippocampus und die Relevanz von echten Sozialkontakten. Was wir brauchen, sind Bewegung im Freien und positive Erlebnisse. Unsere Klinik Judendorf-Straßengel ist nördlich der Landeshauptstadt Graz in einer idyllischen Parklandschaft gelegen und ist verkehrstechnisch gut angebunden. Als ein Unternehmen der Mare-Gruppe sind wir ein führendes, innovatives Rehabilitationszentrum mit den Indikationen Neurologie, Orthopädie und Kinderrehabilitation (Indikation MOB). Wir sind ein privat geführtes Familienunternehmen und behandeln unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entsprechend respektvoll und ehrlich. Auf wen wir uns verlassen können, kann sich in jeder Lebenslage auch auf uns verlassen. Aktuell offene Positionen zur Nachbesetzung sind: Das bieten wir Ihnen: • ein interessantes und abwechslungsreiches Aufgabengebiet • umfassende Einschulung durch erfahrene Kollegen und Kolleginnen • wertschätzende Mitarbeit im multiprofessionellen Team • regelmäßiger Austausch mit Fachärzt:innen unterschiedlicher Disziplinen • flexible Arbeitszeitmodelle: Vollzeit- oder Teilzeitbeschäftigungen ab 20 Stunden/Woche • attraktive Karrieremöglichkeiten • Überzahlung KV für private Kur- und Rehabetriebe mit zusätzlicher Anrechnung von Vordienstzeiten und Qualifikation Weitere Mitarbeiter:innen-Bonifikationen: • kostenloses Mittagessen, gratis Parkplatz • Zulagen bei langen Diensten und an Wochenenden • bezahlte Pause bei Nachtdiensten • Nebenbeschäftigung möglich • zahlreiche Möglichkeiten zur Aus- und Weiterbildung • Übernahme von DFP-Fortbildungen uvm. • Jubiläumsgelder und Prämien • Betriebliche Angebote zur Gesundheitsvorsorge (z.B. Yoga) Wir freuen uns auf Sie! FACHARZT/FACHÄRZTIN FÜR NEUROLOGIE FACHARZT/FACHÄRZTIN FÜR KINDER- UND JUGENDHEILKUNDE ARZT/ÄRZTIN FÜR ALLGEMEINMEDIZIN WIR MÖCHTEN SIE KENNENLERNEN! Bewerben Sie sich jetzt absolut vertraulich und gerne auch ohne Lebenslauf und Motivationsschreiben: Prim. Dr. Monika Scarpatetti Ärztliche Leiterin monika.scarpatetti@klinik-judendorf.at Tel.: 03124/90520 Klinik Judendorf-Straßengel GmbH Grazerstraße 15 8111 Gratwein-Straßengel Bitte beachten Sie unsere BewerbungsDatenschutzrichtlinien auf www.klinik-judendorf.at/datenschutz. (keine Nacht- und Wochenend-Dienste)

TAG DER SEELISCHEN GESUNDHEIT ÆRZTE Steiermark || 10|2025 17 Fotos: envato/tridsanu, KK eine Einführung in die Funktion und Bedeutung einiger Hirnregionen, speziell der Hippocampi, und die Folgen der Pandemie: „Ohne den damaligen Entscheidungsträgern das beste Wollen abzusprechen, haben sie“, so die Sicht der Psychiaterin, „der Bekämpfung des Virus das psychische Wohlergehen eines nennenswerten Teils der Bevölkerung geopfert. Denn vereinfacht gesagt, braucht der Hippocampus positiven Input, um zu wachsen oder zumindest seine Größe zu halten. Bekommt er den nicht, schrumpft er in erstaunlich kurzer Zeit.“ Und damit auch das körpereigene Integrationszentrum, das autobiografische Gedächtnis, welches zuständig für die Individualität des Menschen ist. Das wiederum führt dazu, dass sich der Anteil der Wahrnehmungen und gespeicherten Eindrücke von den positiven wegverschiebt. „Wir brauchen Bewegung und Sport, Sonnenlicht und positive soziale Kontakte, damit Neurotransmitter produziert und ausgeschüttet werden. Haben wir das nicht oder zu wenig, werden wir in Folge ängstlich, reagieren stärker auf vermeintliche oder reale Bedrohungen und natürlich steigt in vielen Menschen in Folge auch die latente Aggression.“ Entwicklung unserer Gesellschaft Die Frage, ob man also in den Lockdowns bzw. den Verhaltensregeln während der Corona-Pandemie die Ursache für die gesellschaftspolitischen Entwicklungen der letzten Jahre zu sehen habe, will Astrid Maierhofer-Deutschmann nicht beantworten: „Ich bin Psychiaterin und keine Politikerin.“ Aber dass sie vieles daran rückblickend für falsch hält, daraus macht sie keinen Hehl. „Zumindest aus derzeitiger Sicht schaut es so aus, dass ganze Jahrgänge massive Probleme haben. Jene nämlich, die in diesen Jahren normalerweise ihr Sozialverhalten trainiert, sich in ihrer Geschlechterrolle erprobt und ihre Welt erobert hätten.“ Den Hippocampus trainieren Doch natürlich gibt es Abhilfe, auch wenn der Weg ein längerer sein kann: In logischer Konsequenz gehe es darum, so die Expertin, den Hippocampus mit positiven Reizen „aufzutrainieren“. Durch reale, positive Sozialkontakte, viel Aufenthalt und Bewegung an der frischen Luft und positive Erlebnisse können wichtige Hirnareale wieder zur Drehscheibe für überwiegend positive Emotionen werden. Astrid Maierhofer-Deutschmann

RHEUMA Rheuma ist ein sehr breiter Begriff – er schließt auch die nicht entzündliche Arthrose mit ein. Geht man von dieser Definition aus, ist in der Steiermark jeder bzw. jede 5. betroffen. Fokussiert man sich auf die von entzündlichen rheumatischen Krankheiten Betroffenen, „sprechen wir von etwa 50.000 Menschen in der Steiermark“, weiß Prof. Martin Stradner, Facharzt für klinische Immunologie, Innere Medizin und Rheumatologie an der Med Uni Graz: „Häufig sind die rheumatoide Arthritis und die Spondyloarthritiden, zum Glück seltener sind lebensbedrohlichen Erkrankungen wie systemischer Lupus erythematodes und Vaskulitiden.“ Abnehmspritze Der Experte beschäftigt sich aktuell auch mit der „Abnehmspritze“, über die in Zusammenhang mit der Behandlung von rheumatischen Erkrankungen berichtet wurde. Für eine endgültige Bewertungen würden derzeit aber noch gute klinische Studien fehlen, sagt er: „GLP1-Rezeptoragonisten wirken – zum Abnehmen bei Übergewicht – hervorragend. Und da das Körpergewicht einen großen Einfluss auf die Gelenke hat, ist die Wirkung bei Arthrosen auf jeden Fall positiv: Jedes abgenommene Kilogramm Körpergewicht, bedeutet vier Kilogramm Entlastung für die Gelenke der unteren Extremität. Bei entzündlichen Erkrankungen ist es so, dass eine gewisse Entzündung aus dem Fettgewebe kommt und man nimmt an, dass GLP1-Rezeptoragonisten eine lindernde Wirkung auf diese Entzündungen haben könnte. Jedoch können durch die Spritze auch Nebenwirkungen wie Gelenksschmerzen auftreten.“ Genauere Studien bleiben also noch abzuwarten. Neue Therapien Insgesamt sei die Rheumatologie ein sehr innovatives Fach, betont Martin Stradner und verweist auf die zahlreichen neu auf den Markt gekommenen Therapien, wodurch man viele Patient:innen in Remission bringen könne: „Das ist natürlich unser erklärtes Ziel. Während man früher froh war, wenn die Patient:innen sich einigermaßen bewegen konnten und das Bild in den Ambulanzen von vielen Rollstühlen geprägt war, ist das heute zum Glück nicht mehr der Fall.“ Was die Therapie betrifft, gibt es neben den klassischen Medikamenten, wie Methotrexat, mit Biologica und Janus-Kinase-Inhibitoren neue zielgerichtete Therapien. Besonders innovativ ist der Ansatz der CAR-T-ZellTherapie („Chimeric Antigen Receptor T-Cell Therapy“), bei der körpereigene T-Zellen so modifiziert werden, dass sie B-Zellen eliminieren, die bei rheumatischen Erkrankungen eine Rolle spielen. „Sehr vielversprechend sind auch sogenannte bi-spezifischer Antikörper, mit denen man z. B. systemischen Lupus erythematodes behandeln möchte. Derzeit ist das noch in der Testphase und nur in Studien für Patient:innen verfügbar – diese laufen jedoch auch an unserer Klinik in Graz.“ Mehr Zuweisungen „Wir sehen auf jeden Fall, dass die Patient:innen heute besser behandelt sind als früher. Die Krankenstandstage von Rheuma-Patient:innen haben abgenommen, ebenso die Frühpensionen, einfach weil die Behandlung stark verbessert wurde“, erklärt der Experte. Gleichzeitig spüren er und seine Kolleg:innen, dass es durch die steigende Awareness zu mehr Zulauf in den Ambulanzen kommt und die Wartezeiten länger werden. „Es gibt mehr Zuweisungen, wobei sich der Verdacht aber bei weitem nicht immer bestätigt.“ Entzündliche rheumatische Krankheiten Innovative Therapien, bessere Behandlung und mehr Awareness für Rheuma Am 12. Oktober findet jedes Jahr der Welt-Rheuma-Tag statt. Experte Martin Stradner über die neuen Therapien, die Wirkung der GLP-1-Agonisten und aktuelle Herausforderungen im Fachbereich Rheumatologie. 18 ÆRZTE Steiermark || 10|2025

Fotos: KK, envato/anatoliycherkas RHEUMA sind dabei keine Krankheiten des Alters, der Gipfel liegt zwischen 30 und 60 Jahren, wobei es große Unterschiede zwischen den einzelnen Erkrankungen gibt, manche treffen vermehrt junge Frauen und es gibt auch kindliches Rheuma. Die Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde in Graz verfügt über eine eigene KinderRheuma-Ambulanz. Red Flags Sowohl die Diagnose als auch die Betreuung von rheumatischen Erkrankungen sollte von erfahrenen Rheumatolog:innen geleistet werden. Es gibt typische Zeichen wie entzündliche Gelenks- oder Wirbelsäulenschmerzen. „Red Flags“ bei denen zu Rheumatolog:innen überwiesen werden sollte, sind Gelenkssteifigkeit am Morgen welche über einen Stunde dauert, Gelenks- oder Wirbelsäulenschmerzen, die typischerweise am frühen Morgen oder nachts auftreten und tagsüber oder auch durch Bewegung gebessert werden. Bei diesen Zeichen sowie bei anhaltenden Gelenksschwellungen besteht eine hohen Wahrscheinlichkeit für entzündlich-rheumatische Erkrankungen. „Natürlich sollen sich Zuweiser:innen auch das Rheumalabor und CRP anschauen und den Fall gerne vorab telefonisch mit Rheumatolog:innen diskutieren. Die Therapie sollte aber immer von Spezialist:innen gesteuert werden“, sagt Stradner. Kassenrheumatolog:innen fehlen Und wo liegen die Herausforderungen in der Versorgung rheumatischer Patient:innen im niedergelassenen Bereich? „Die Rheumatologie ist wie viele andere ärztliche Fachgruppen leider etwas überaltert und es steht eine Pensionierungswelle bevor. Im Kassenbereich haben wir in der Steiermark nur zwei Rheumatolog:innen, der Rest der niedergelassenen Versorgung wird durch Wahl- und Privatärzt:innen geleistet. Das liegt an der fehlenden Honorierung rheumatologischer Leistungen durch die Krankenkassen“, ärgert sich der Rheumatologe: „Das ist eine Schlechterstellung unserer Patient:innen, denn sie können nur in Spitalsambulanz gehen oder sich privat behandeln lassen. Wir haben ein echtes Problem mit der Niederlassung, dabei ist das Fach grundsätzlich durchaus attraktiv und wir haben auch tollen Nachwuchs, wie es das Beispiel der erfolgreichen ,Rheuma Summer School‘ der Österreichischen Gesellschaft für Rheumatologie beweist.“ ÆRZTE Steiermark || 10|2025 19 „Rheuma-Patient:innen sind heute viel besser behandelt als früher. Die Krankenstandstage haben abgenommen, ebenso die Frühpensionen.“ Martin Stradner

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