40 ÆRZTE Steiermark || 07|2025 Damit Proteine ihre Funktionen in der Zelle erfüllen können, müssen sie gezielt in den Zellkern gelangen – das Steuerzentrum für Wachstum, Stressantwort und Reparaturmechanismen. Ein internationales Forschungsteam hat nun einen bislang unbekannten Transportweg entdeckt, der möglicherweise eine zentrale Rolle bei Alterungsprozessen und Krebserkrankungen spielt. FORSCHUNG STEIERMARK Foto: Med Uni Graz MEDIA BASED MEDICINE Mundspülungen töten auch nützliche Mikroben Das pauschale Abtöten von Mundbakterien, wie es viele gängige Mundspülungen versprechen, kann laut Forscher:innen der Rutgers University der Mundgesundheit schaden. Denn auch nützliche Mikroben, die Zähne und Zahnfleisch schützen, werden eliminiert. Deutlich selektiver wirkte in Labortests ein pflanzliches Produkt: Dieses Mundwasser mit pflanzlichen Inhaltsstoffen reduzierte gezielt krankmachende Keime, schonte aber gesunde. Klinische Studien sollen nun klären, ob sich dieser Effekt aus der Petrischale auch im Alltag bestätigt. Quelle: pressetext.com, 3.7.2025 Täglich bekommen Patient:innen von den Medien neue „Sensationen“ aus der Welt der Medizin aufgetischt: „Man kann sich den Zellkern wie ein Hochsicherheitsgebäude vorstellen. Nur wer einen gültigen molekularen Ausweis hat, kommt rein“, erklärt der Studienleiter Tobias Madl. Üblicherweise erfolgt der Eintritt mithilfe einer phosphorylierten Aminosäuresequenz, die vom Transportprotein TNPO3 erkannt wird. Diese sogenannte Phosphorylierung ist ein chemischer Prozess, bei dem eine Phosphatgruppe an das Protein angehängt wird – ein etabliertes Prinzip zellulärer Steuerung. Einlass ohne Ausweis: Ein neuer Weg in den Zellkern Die neue Studie zeigt jedoch: Es gibt auch einen alternativen, phosphorylierungsunabhängigen Mechanismus – basierend auf der Aminosäure Tyrosin. Dieses tyrosinbasierte Signal wird ebenfalls von TNPO3 erkannt und ermög- licht den Transport ins Zellinnere. Damit stellt das Forschungsteam einen Paradigmenwechsel in der Molekularbiologie vor. CIRBP – ein Protein zwischen Zellstress und Krebs Im Zentrum der Untersuchungen steht das Protein CIRBP (Cold Inducible RNA Binding Protein). Es ist beteiligt an der Stressantwort der Zelle, bei Alterungsprozessen und potenziell auch bei Krebsentstehung. Die Forscher:innen konnten zeigen, dass Tyrosinreste im CIRBP wie „Klettpunkte“ wirken, die das Andocken an TNPO3 ermöglichen. Interessanterweise blockiert eine zusätzliche Phosphorylierung diesen Vorgang – statt zu helfen, verhindert sie den Transport. Das legt nahe, dass unter bestimmten zellulären Bedingungen – etwa bei chronischem Stress oder Mutationen – CIRBP nicht mehr in den Zellkern gelangt und damit seine Schutzfunktion nicht mehr erfüllen kann. Relevanz für Krebsforschung und Zellbiologie „Eine gestörte Steuerung des Proteintransports kann weitreichende Konsequenzen haben – von unkontrolliertem Zellwachstum bis hin zu einer schwachen Stressantwort“, betont Erstautor Qishun Zhou. Die Erkenntnisse zeigen, dass zelluläre Logistik komplexer und flexibler ist als bislang gedacht. Madl ergänzt: „Diese Grundlagenforschung hat enormes Potenzial. Je besser wir die inneren Abläufe verstehen, desto gezielter können wir bei Krebs oder neurodegenerativen Erkrankungen eingreifen.“ Hintergrund und Methodik Die Arbeit entstand im Rahmen des Exzellenzclusters MetAGE sowie des Zentrums für Integrative Stoffwechselforschung der Med Uni Graz in Kooperation mit der Universität Graz und der JohannesGutenberg-Universität Mainz. Zum Einsatz kamen hochauflösende Verfahren wie NMRSpektroskopie, Röntgenkristallographie und zellbasierte Analysen. Publiziert wurde die Studie in Nature Communications. Die neuen Erkenntnisse liefern nicht nur einen weiteren Baustein im Verständnis der zellulären Steuerung, sondern eröffnen auch neue Perspektiven für die Entwicklung zielgerichteter Therapien. Weitere Informationen und Kontakt: Univ.-Prof. PD Mag. Dr. Tobias Madl Forschungsfeld Stoffwechsel & Kreislauf Otto Loewi Forschungszentrum T: +43 316 385 71972 E: tobias.madl@medunigraz.at Neuer Weg in den Zellkern entdeckt: Schlüsselrolle für Krebs und Alterung
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