AERZTE Steiermark | Dezember 2018
12 ÆRZTE Steiermark || 12 | 2018 SERIE Arzt im besonderen Dienst haben. Und auf diesem finden sich, quasi als Leitplanken, alte Schienen, die mit ,Graz 1907´ punziert sind.“ Abgesehen von „Graz“ sind die Ortsangaben bei Wan- derungen auf den Spuren der Historie durchaus eine Herausforderung, heißen die Orte, Berge und Flüsse doch heute ganz anders als zu Zeiten der k. u. k. Monarchie. Beim Zurechtfinden helfen Benesch und seinen Wander- freunden spezielle historisch- touristische Landkarten, die gezielt zu Schauplätzen ein- stigen Kriegsgeschehens lot- sen und die wichtigsten Daten dazu gleich mitliefern. Informationen zum Ersten Weltkrieg sammelt Benesch bereits seit Jahrzehnten und ein Ende ist nicht absehbar. Erst kürzlich hat er zwei neue Bücher erstanden: „Mit fünf- zehn Jahren an die Front“ und „Überlebe ich, so schreibe ich weiter: Feldpost aus dem Ersten Weltkrieg“. Dabei liest er durchaus selektiv. „Die Sekundärliteratur ist ja längst unüberschaubar. Natürlich habe ich auch Übersichts- werke studiert, aber mein Hauptinteresse gilt den über- lieferten Zeitzeugenberich- ten der einfachen Soldaten.“ U. JUNGMEIER-SCHOLZ Sein Großvater hat ihn er- lebt, den Ersten Weltkrieg. Inklusive sieben Jahre rus- sischer Kriegsgefangenschaft ab Sommer 1914, also un- mittelbar nach Kriegsbeginn. Hätte er nicht auf abenteu- erlichen Wegen von Sibirien nach Graz zurückgefunden, gäbe es Martin Benesch heute nicht. Aber es ist nicht nur der familiäre Bezug, der Be- nesch inspiriert hat, sich in seiner Freizeit – schon lange vor dem heurigen Gedenkjahr – so intensiv mit dem Ersten Weltkrieg auseinanderzuset- zen: „Auch wenn der Begriff bereits vielfach strapaziert wurde, es geht mir dabei um ‚ die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts´.“ Heimatnahe Schauplätze Schon zu Schulzeiten interes- sierte sich Benesch, der heute am Grazer Uniklinikum die Abteilung für Pädiatrische Hämato-/Onkologie leitet, für Geschichte. Auch die Antike, insbesondere antike Bauten, faszinieren ihn, denn „diese architektonische Harmonie gibt es heute fast nicht mehr“. Aber sein Hauptaugenmerk gilt dem Ersten Weltkrieg, vor allem den heimatnahen Schauplätzen der damaligen Front im heutigen Slowenien und in Oberitalien: Vom Monte Grappa über den Plö- Benesch ortet durchaus eine Entwicklungstendenz bei der veröffentlichten Literatur. „Wurden nach dem Krieg zu- nächst heroisierende und na- tionalistisch gefärbte Berichte gedruckt, kann man heute auch nachlesen, wie es jenen ergangen ist, die ganz vorne an der Front gekämpft haben.“ „Schlachtfeld- Archäologe“ Auch die Gebiete der einstigen Westfront möchte Benesch einmal bereisen, jedenfalls Verdun, die Regionen an der Somme und vielleicht auch einmal Flandern. „Heuer gab es dort die Möglichkeit für Laien, unter der Anleitung professioneller Historiker Gra- bungen durchzuführen. Aber ich habe zu spät davon erfah- ren und hätte wahrscheinlich auch nicht wirklich ausrei- chend Zeit dafür gehabt.“ Be- nesch widmet sich dem Ersten Weltkrieg ausschließlich im individuellen Kontext; er ist kein Mitglied eines Vereins ckenpass bis zum Isonzotal, dem heutigen Soča-Tal. Jah- relang las er unermüdlich zum Thema. „Und aus dem Lesen ist dann das Wandern entstanden.“ Beim Abendes- sen mit Freunden hatte sich herauskristallisiert, dass hier drei am Ersten Weltkrieg In- teressierte an einem Tisch saßen, die auch allesamt ger- ne wandern. Und so erkundet Benesch in dieser Dreierrun- de seit mehr als einem Jahr- zehnt einen Frontabschnitt nach dem anderen und sucht dort nach persönlichen Im- pressionen und materiellen Überresten. „Aber ohne Me- tall-Detektor. Ich nehme ge- legentlich mit, was ich beim Gehen zufällig finde.“ Und er behält auch den Erholungs- wert derartiger Expeditionen stets im Auge. „Reisen nach Slowenien und Oberitalien lassen sich auch ganz gut mit Weinverkostungen kombinie- ren“, erzählt er mit einem Lächeln. Spezielle Landkarten Fundstücke wie Granatsplit- ter oder gar eine intakte Gra- nathülse sowie Patronenhül- sen nimmt Benesch mit nach Hause, aber auch Erinne- rungen an besondere Orte: „Es gibt einen Forstweg, der zur Heiligengeistkirche Javor- ca führt, die österreichisch- ungarische Soldaten zum Ge- denken an die in der Region gefallenen Kameraden erbaut Wanderer auf den Spuren des Ersten Weltkrieges Der Grazer Kinder-Hämato-/Onkologe Martin Benesch ist beruflich fast täglich mit Kindern und deren Familien in Aus- nahmesituationen konfrontiert. In seiner Freizeit beschäftigt er sich – lesend wie wandernd – intensiv mit einer historischen Ausnahmesituation: dem Ersten Weltkrieg. Punzierte Schienen am Ge denkweg zur Heiligengeist kirche Javornica.
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