AERZTE Steiermark | Oktober 2018
aber auch schon der einzige Verbesserungsvorschlag, der Weber zur Lehrpraxis einfällt. Ansonsten lobt er das famili- äre Arbeitsklima im Fünfer- Team der Praxis, weiß aber auch die Geduld und Dank- barkeit der Patientinnen und Patienten zu schätzen. Und nicht zu vergessen: das breite fachliche Spektrum, mit dem er in Kontakt kommt. Als Herausforderung hingegen empfindet er vor allem die nichtärztlichen Tätigkeiten. „Was pro Quartal wie oft ver- rechnet werden darf, aber auch Anträge für Heilbehelfe und Kuraufenthalte – damit hatte ich im Spital nie etwas zu tun“, so Weber. Lehrpraxis-Arzt Zorn hatte anfangs eher die Befürch- tung, den Praktikanten durch den Zeitdruck und nie abrei- ßenden Patientenstrom in der Kassenpraxis zu desillusionie- ren. „Es kann schon stressig werden, wenn das Warte- zimmer voll ist und ich habe mehr Zeitdruck als im Spital. Aber da muss ich mich eben beeilen und besonders fokus- siert schauen“, meint Weber nur dazu. Abgeschreckt hat es ihn nicht. Eher Land als Stadt Er könne sich schon vorstel- len, in Zukunft eine ländliche Kassenpraxis zu übernehmen, erklärt der gebürtige Liezener Weber. „Eher als in der Stadt.“ Die Entscheidung wird auch davon abhängen, wie leicht in seiner Heimatregion ein Kassenvertrag zu bekommen sein wird. Für den Fall einer baldigen Praxisübernahme liebäugelt Weber mit dem neuen Modell des Jobsharings, das ab April 2019 möglich sein soll. Noch macht er seine Arbeit mit seinem Ausbildner als Teampartner, denn die beiden schauen sich die PatientInnen grundsätzlich zusammen an, fahren zu zweit zu den Haus- besuchen und sind wochen- ends manchmal auch zusam- men in Bereitschaft. „Es gibt nur ganz wenige Patienten, die den Doktor allein sehen wol- len – und das verstehe ich auch. Meist möchten sie dann etwas Privates besprechen“, erklärt Weber. „Fast alle Patienten se- hen es gerne, dass sich ein jun- ger Arzt für die Arbeit bei uns am Land interessiert“, betont Allgemeinmediziner Zorn. Er hat die Bevölkerung aber auch praxis verfügen (die Anerken- nung nach ÄAO 2006 allein genügt nicht). Die TurnusärztInnen sind dann für 30 Wochenstunden direkt beim Ordinationsinha- ber angestellt, für die Förder abwicklung und Auszahlung der Förderung an die Or- dinationsinhaber sorgt die Ärztekammer; ein steirisches Sondermodell, weil hier die LehrpraktikantInnen nicht wie in den meisten anderen Bundesländern beim Spital- sträger in Vertrag bleiben. Zwar war im ursprünglichen Kooperationsmodell mit der KAGes vorgesehen, dass die jungen Ärztinnen und -ärzte weiterhin die Gelegenheit ha- ben sollen, Dienste im Spital zu übernehmen, daran be- steht seitens der Spitalsgesell- schaft derzeit kein Interesse. „Dienste wären Pluspunkt“ „Dienste im Spital überneh- men zu können, wäre schon ein Pluspunkt“, hält Weber fest. Denn die Lehrprakti- kanten erhalten lediglich das Gehalt für 30 Wochenstun- den – auf Basis des Turnus- arzt-Grundgehalts. Das ist COVER 10 ÆRZTE Steiermark || 10 | 2018 „Ich möchte ja schließlich, wenn ich dann in Pension gehe, auch einen Nachfolger finden.“ Lehrpraxis-Leiter Thomas Zorn über seine Motivation „Wir sind technisch gut ausgestattet, arbeiten aber trotzdem ohne Ultraschall, Röntgen und Akutlabor – da lernt man, mit den Händen weiterzukommen.“ Lehrpraktikant Kurt Weber über seine Erfahrung Das neue Jahrzehnte lang forderten vor allem Ärztekammer, Öster- reichische Gesellschaft für Allgemeinmedizin (ÖGAM) und die Jungen Allgemein- medizinerinnen und Allge- meinmediziner Österreichs (JAMÖ) etwas, das es in an- deren Ländern Europas schon längst gibt: dass ein Teil der Allgemeinmedizin-Ausbil- dung ganz selbstverständlich auch in der Lehrpraxis statt- findet und nicht nur im Spital. Die Möglichkeit der Lehrpra- xis gibt es zwar schon seit gut zwei Jahrzehnten, aber nur auf freiwilliger Basis und mit ungenügenden Förderungen, die immer wieder beklagt wurden. Das ist nun anders: Seit Mitte des Jahres 2018 ist die Lehr- praxis neu Wirklichkeit. Die Lehrpraxisinhaberinnen und -inhaber müssen nur mehr zehn Prozent der Kosten tra- gen, 25 Prozent (allerdings ge- deckelt) übernimmt der Bund, je 32,5 Prozent Länder und Sozialversicherungen. Diese endgültige Vereinba- rung (sie gilt für drei Jahre) wurde im Februar dieses Jah- res präsentiert. „Die Lehrpra- xen sind ein Teil unserer Maß- nahmen, das österreichische Hausarztsystem zukunftsfit zu machen“, sagte Hauptver- bandschef Alexander Biach bei dieser Präsentation. Der österreichische Ärzte- kammerpräsident Thomas Szekeres sprach von einem wichtigen Schritt, „um dem Hausärztemangel langfristig entgegenzuwirken“. ÖÄK-Vi- zepräsident und Bundesku- rienobmann Johannes Stein-
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