AERZTE Steiermark 07_08 2026

Das Magazin der Ärztekammer Steiermark Juli/August 2026 Hitze. Eva Fichtinger und Barbara Plecko über die „Nebenwirkungen“ des Sommers. Hasen. Und andere Stofftiere wurden erfolgreich in der Kuscheltierklinik versorgt. Hochdruck. Worauf besonders Frauen achten sollten, weiß Kadiologin Sabine Perl. Österreichische Post AG MZ 02Z033098 M Ärztekammer für Steiermark, Kaiserfeldgasse 29, 8010 Graz, Retouren an PF555, 1008 Wien Gehaltserhöhung Digitalisierung Med-UniRektorin Andrea Kurz über Kürzungen und Ärzte-Zahlen Foto: Schiffer

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THEMEN Fotos: S&S Conny Leitgeb, Laura Gimpel THEMEN „Die Zahl der Ärzt:innen könnte dann niedriger sein“ 8 Bits and Bytes 2026: Das Krankenhaus der Zukunft 11 Das sind die „Nebenwirkungen“ des Sommers 12 Was im Sommer in der Gefäßmedizin relevant ist 14 1.500 begeisterte Kinder und bestens versorgte Kuscheltiere 18 Frauen: häufiger Erkrankungen der kleinen Herzkranzgefäße 20 Pädiatrie: Kleine Patient:innen – große Wirkung 22 Wenn Gewalt unsichtbar bleibt 24 „Gesundheitssystem muss bedarfsgerechter werden“ 26 Gibt es ein Zuviel an Medizin? 27 Perspektiven für die Medizin des 21. Jahrhunderts: Grazer Fortbildungstage 2026 28 Gerne Arzt: Kardiologie am Puls der Zeit 30 Science Talks zu „Healthy Aging“ 31 Wissen, das Ärzt:innen absichert 31 Erlesen: Von den Wechseljahren bis zum Stoffwechsel 34 Recht: „No Shows“ – Folgen nicht abgesagter Arzttermine 36 Wirtschaft & Erfolg: Jahresstatistik des Wohlfahrtsfonds 2025 38 Med Uni Graz: Präeklampsie: Mehr Forschung 40 Studie: Sport und Krebstherapie 41 ANGESTELLTE ÄRZTINNEN UND ÄRZTE Spürbares Plus: 3,3 % mehr Gehalt ab 1. Juli 44 Ausbildung im Fokus: Primarii sehen Qualität positiv 46 Sommerferien: Wenn Kinderbetreuung zur Systemfrage wird 48 Urlaubsausmaß für Ärzt:innen der MUG 50 Infotag RECHT für Turnusärzt:innen der KAGes 53 Infonachmittag SCHWANGERSCHAFT UND KIND 53 NIEDERGELASSENE ÄRZTINNEN UND ÄRZTE e-Zuweisung als Start für eHealth-Zukunftsvereinbarung 54 Wirtschaftliche Informationen zur Gründung einer Praxis 56 Wahlärzt:innen mit Anstellung im Spannungsfeld 58 Welche Ärzt:innen müssen Tourismusbeitrag zahlen? 59 Schriftlicher Befundbericht bei BVAEB und SVS 60 Praktisch täglich. Reisepläne 61 Abwesenheitsmeldungen bei Ordinationsschließung 61 Debatte 6 News 43 Kleinanzeigen 62 Personalia 67 Cartoon 69 Ad Personam 70 KULTURSOMMERNACHT Genuss & Unterhaltung: Eine gelungene Veranstaltung der Ärztekammer für Steiermark ging am 26. Juni im Aiola im Schloss über die Bühne. Seite 16 ÄRZTIN IM BESONDEREN DIENST Irene Holzer ist ärztliche Leiterin der Marienambulanz in Graz. In diese offene Ambulanz kommen Menschen ohne Krankenversicheurng oder in schwiereigen Lebenslagen. Seite 32 4 ÆRZTE Steiermark || 07_08|2026

THEMEN Die BVAEB hat vor Kurzem den Selbstbehalt von 10 auf 20 % angehoben. Wir haben das zum Anlass genommen, die steirische Ärzteschaft zu fragen, ob auch die ÖGK einen Selbstbehalt einführen sollte. 52,7 % der Ärzt:innen haben geantwortet, dass sie das für eine gute Idee halten. Weitere 24,2 % denken, dass ein Selbstbehalt sinnvoll ist, finden aber 20 % zu viel. 22,3 % der Ärzt:innen sprechen sich gegen einen Selbstbehalt aus. Die Meinungen in den freien Antworten gehen weit auseinander: So heißt es, dass es für einen Kassen-Allgemeinmediziner das wirtschaftliche Todesurteil wäre, wenn ÖGK-Patient:innen anfangen würden, ihre Beschwerden zu bündeln. Andere sehen es als Vorteil, wenn Selbstbehalte verhindern, dass manche Menschen mehrmals pro Woche Medikamente holen. Vorgeschlagen wird z. B. ein Selbstbehalt pro Konsultation in Höhe der Rezeptgebühr oder für Ambulanzbesuche, wenn zuvor kein Hausarzt konsultiert wurde. Weitere Teilnehmende betonen, dass die ÖGK bei ihrer Verwaltung selbst viel einsparen könnte. EPIKRISE Kurze Nachrichten aus der Redaktion Soziale Medien: X/Twitter: www.twitter.com/ AERZTE_NEWS Facebook: www.facebook. com/aerztekammer.stmk/ und Facebook-Gruppe für steirische Ärztinnen und Ärzte Youtube: AERZTE_NEWS Instagram: www.instagram. com/aerztekammerstmk Foto: Ärztekammer Steiermark Soll die ÖGK Selbstbehalte für Versicherte einführen? DAS BILD DES MONATS. Bewusstseinsbildung betreibt die Ärztekammer Steiermark mit den Plakaten, die in Notaufnahmen zu sehen sind. „Bin ich ein Notfall?“ fragen wir, um die Menschen zum Nachdenken zu veranlassen und klären über echte Notfälle auf. ÆRZTE Steiermark || 07_08|2026 5 AERZTE-Frage des Monats: Soll die ÖGK einen Selbstbehalt für Versicherte einführen wie die BVAEB? Ja, das halte ich für eine gute Idee Ja, aber in geringerer Höhe. 20 % sind zu viel. Nein, ich bin gegen Selbstbehalte Weiß nicht. Antworten: 264 24,2 % 52,7 % 22,3 %

INTRA KONT A 6 ÆRZTE Steiermark || 07_08|2026 DEBATTE Peter Riedler Wer Spitzenmedizin will, braucht starke Universitäten Spitzenmedizin entsteht nicht erst im Operationssaal, in der Ambulanz oder in der Ordination. Sie beginnt oft Jahre zuvor in Laboren, Forschungsgruppen und Hörsälen. Dort werden die Grundlagen für jene Innovationen gelegt, die später vor allem Patientinnen und Patienten zugutekommen und auch wirtschaftlichen Erfolg bringen. Ärztinnen und Ärzte erleben täglich, wie sehr gute Medizin vom wissenschaftlichen Fortschritt abhängt. Dabei sind die Herausforderungen im Gesundheitswesen komplex. Sie reichen von personalisierter Medizin und Digitalisierung über den demografischen Wandel bis hin zu Fragen der Gesundheitskompetenz, Ethik und gesellschaftlichen Teilhabe. Neue Diagnose- und Therapieverfahren müssen verantwortungsvoll umgesetzt, rechtlich und wirtschaftlich gestaltet und vor allem von den Menschen angenommen werden. Deshalb entstehen Erfolge in den Life Sciences heute mehr denn je im Zusammenspiel unterschiedlicher Disziplinen. Und gerade hier liegt die besondere Stärke des Wissenschafts- und Forschungsstandorts Steiermark seit vielen Jahren. Die Universitäten des Landes arbeiten gemeinsam mit Forschungseinrichtungen und klinischen Partnern eng zusammen. Kooperationen wie BioTechMed-Graz, der Exzellenzcluster „MetAge“ oder das CORI Institute zeigen, wie wissenschaftliche Exzellenz durch Zusammenarbeit auf Augenhöhe entsteht. Solche Erfolge sind das Ergebnis langfristiger Partnerschaften, gegenseitigen Vertrauens und verlässlicher Rahmenbedingungen. Sie schaffen internationale Sichtbarkeit und einen unmittelbaren Mehrwert für Forschung, Innovation und Gesundheitsversorgung. Gerade in Zeiten knapper öffentlicher Mittel braucht es daher Weitsicht und Geschlossenheit, um erfolgreiche Strukturen weiterzuentwickeln und Bewährtes nachhaltig zu stärken. Wer Spitzenmedizin will, muss klug und langfristig in starke Universitäten, verlässliche Partnerschaften und interdisziplinäre wissenschaftliche Zusammenarbeit investieren. Dr. Peter Riedler Rektor der Universität Graz Gerhard Posch Plus von 3,3 %: Ein Erfolg, der weiterwirkt Gute Verhandlungsergebnisse erkennt man nicht nur am Tag des Abschlusses, sondern daran, dass sie auch Jahre später noch Wirkung zeigen. Genau das wird mit der nächsten Gehaltserhöhung ab 1. Juli 2026 sichtbar. Denn an diesem Tag tritt die Gehaltserhöhung in Kraft. 3,3 % mehr Gehalt sind ein erfreuliches und spürbares Plus – und zugleich ein starkes Zeichen dafür, wie wichtig unsere Verhandlungen zur Gehaltsreform von 2023 waren. Denn diese Reform hat nicht kurzfristige Verbesserungen gebracht, sondern für eine langfristige Aufwertung gesorgt. Die Reform hat ein neues Fundament geschaffen, auf dem die heutigen Valorisierungen deutlich stärker wirken. Was damals mit Konsequenz und Verhandlungsgeschick erreicht wurde, kommt den angestellten Ärzt:innen in der Steiermark nun erneut zugute. Gerade in einem Berufsalltag, der von hoher Verantwortung und steigender Belastung geprägt ist, sind attraktive Rahmenbedingungen entscheidend. Wir dürfen nicht vergessen: Die Ärzt:innen in den Spitälern halten dort Tag für Tag das System am Laufen. Wertschätzung zeigt sich auch in Strukturen – und dazu gehört eine angemessene Gehaltsentwicklung. Nichtsdestotrotz werden wir mit voller Kraft weiter an sichtbaren und spürbaren Verbesserungen für die angestellten Ärzt:innen arbeiten: Etwa das Thema der nachhaltigen Patientenlenkung ist essenziell, um den Druck von den Spitalsärzt:innen zu nehmen. Die aktuelle Erhöhung ist ein sichtbares Ergebnis konsequenter und nachhaltiger Interessenvertretung und ein positives Signal an alle angestellten Ärzt:innen: Ihre Arbeit zählt. Ihre Leistung wird gesehen. Und die Gehaltsreform wirkt. Dr. Gerhard Posch Obmann der Kurie Angestellte Ärzte Fotos: Uni Graz/Thomas Luef, Furgler

Es ist Sommer. Für viele junge Menschen beginnt im Herbst ein neuer Lebensabschnitt: das Medizinstudium, der Weg in einen großartigen, sinnstiftenden und anspruchsvollen Beruf. Sie starten mit Motivation, Idealismus und dem Wunsch, Menschen zu helfen. Genau diese jungen Menschen werden in einigen Jahren jene Ärzt:innen sein, auf die unser Gesundheitssystem dringend angewiesen ist. Deshalb ist der ärztliche Nachwuchs eine der zentralen Stabilitätsfragen unseres Gesundheitswesens. Wer über Versorgungssicherheit spricht, muss daher auch über Ausbildung sprechen – über Studienplätze, Ausbildungsstellen, gute Rahmenbedingungen und verlässliche Perspektiven. Die Verkürzung der Basisausbildung alleine schafft noch keinen zusätzlichen Ausbildungsplatz. Die Rahmenbedingungen müssen einfach stimmen. Umso problematischer sind die diskutierten Einschnitte bei den Universitätsbudgets. Wenn Universitäten sparen müssen, trifft das Forschung, Lehre und Patientenbetreuung – und damit auch die Ausbildung der nächsten Generation von Ärzt:innen und die Tertiärversorgung in der Steiermark. Gerade bei den Medizinischen Universitäten kann sich Österreich keine falsche Sparsamkeit leisten. Wenn sich Studien verzögern, Lehrangebote ausgedünnt werden oder klinische Ausbildung unter Druck gerät, bezahlen wir das später doppelt: mit längeren Wartezeiten, unbesetzten Stellen und noch mehr Druck auf jene, die bereits im System arbeiten. Ein Gesundheitssystem kann man nicht kurzfristig gesundsparen, wenn man gleichzeitig seine Nachwuchsbasis schwächt. Die Botschaft ist klar: Ja zur Modernisierung der Ausbildung. Ja zu sinnvollen Wegen, wo sie fachlich vertretbar sind. Aber genauso klar: Es braucht ausreichend Ausbildungsstellen, qualitätsvolle Betreuung und Universitäten, die ihren Auftrag auch erfüllen können. Wer Ärzt:innen braucht, muss alles für eine gute Ausbildung tun. Und wer Spitzenmedizin erwartet, darf bei der Ausbildung nicht auf Mindestmaß kalkulieren. Im Herbst werden wieder junge Menschen in diesen Beruf starten. Sie verdienen mehr als Sonntagsreden über Berufung und Systemrelevanz. Sie verdienen Rahmenbedingungen, die ihnen zeigen: Dieses Land braucht euch – und es ist bereit, in euch zu investieren. Dr. Michael Sacherer Präsident der Ärztekammer Steiermark ÆRZTE Steiermark || 07_08|2026 7 Die Codierung kommt. Daran führt derzeit kein Weg vorbei, obwohl wir in zahlreichen Gesprächen mit dem Bundesministerium ausführlich unsere berechtigten Einwände und Bedenken dargelegt haben – insbesondere im Hinblick auf die Evaluierungsphase des vergangenen Halbjahres. Dank der Beharrlichkeit der Kurie konnten wir nun zumindest die Einarbeitung von konkreten Ver- besserungen für die niedergelassenen Ärzt:innen erzielen. Verbesserungen, die Sinn machen und die klare Erleichterungen für die Ärzt:innen bedeuten. Das ist ein Gewinn für alle – (noch) mehr Zeit für Bürokratie heißt schließlich auch weniger Zeit für Patientenbetreuung. Was werden diese erzielten Fortschritte sein? Dauerdiagnosen sollen eingearbeitet werden, der Thesaurus soll das Codieren erleichtern und laufend aktualisiert werden. Auch Z-Diagnosen, „Status post“ und Verdachtsdiagnosen sollen künftig abbildbar sein. Das sind keine kosmetischen Details, sondern entscheidende Punkte für einen realistischen ärztlichen Arbeitsalltag. Natürlich steht dies noch unter dem Vorbehalt der ministeriellen Zustimmung. Aber die Arbeitsgruppen laufen bereits intensiv – und sie sind ein klares Zeichen: Die Probleme waren nicht theoretisch, sondern sehr praktisch. Wer täglich Patient:innen versorgt, weiß eben, worauf es tatsächlich ankommt und dass Medizin nicht in starre Kästchen passt. Eines zeigt sich erneut sehr deutlich: Man hätte sich bei der ICD-10-Diagnosenpflicht viel Ärger, Schleifen und Überarbeitungen ersparen können, wenn die Ärzteschaft von Anfang an ernsthaft in die Planungen eingebunden worden wäre. Gesundheitspolitik funktioniert nicht am Reißbrett. Sie funktioniert nur mit jenen, die die daraus resultierenden Entscheidungen täglich umsetzen müssen. Vizepräsident Prof. Dr. Dietmar Bayer Obmann der Kurie Niedergelassene Ärzte EXTRA Dietmar Bayer Man hätte sich viel ersparen können ... STANDORTBESTIMMUNG Michael Sacherer Wer morgen Versorgung will, muss heute ausbilden DEBATTE Fotos: Schiffer (2)

8 ÆRZTE Steiermark || 07_08|2026 COVER Fotos: Schiffer „Die Zahl der Ärzt:innen könnte dann niedriger sein“ Die Rektorin der Med Uni Graz, Andrea Kurz, über die von der Regierung angekündigten Budgeteinsparungen und die möglichen Auswirkungen auf Forschung, Lehre und Ärzteschaft. Das kommende Doppelbudget und die damit von der Regierung geplanten Einsparungen im Bereich der Universitäten haben österreichweit für große Aufregung gesorgt. Rektorin Kurz, was haben Sie sich als erstes gedacht, als Sie von den Kürzungen gehört haben? Andrea Kurz: Ich war im ersten Moment schockiert, aber ich gehe immer schnell in den Planungsmodus. Auch in meiner Zeit in den Staaten hat es schlimme Kürzungen gegeben, durch Veränderungen in Strukturen und Prozessen kann man aber bis zu einem gewissen Grad gegenlenken. Welche konkreten Auswirkungen hätten die geplanten Kürzungen denn an der Med Uni Graz? Es wird natürlich darauf ankommen, wie groß die Kürzungen sind, was zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht klar ist. Aber de facto wird es sich auf alle Bereiche auswirken, also auf Lehre, Forschung und Ausbildung im Klinikum. Man müsste mit weniger Lehrenden größere Gruppen von Studierenden oder Auszubildenden betreuen, was die Qualität beeinträchtigen und die Ausbildung unserer Ärzt:innen verändern würde. Schwierig wird es mit dem weiteren Ausbau innovativer Lehrmethoden, Programmen für Studierende usw., und sicher würden Forscher:innen abwandern. Natürlich würden Kürzungen auch die medizinische Versorgung treffen – man muss sich überlegen, wie viele Ärzt:innen können wir überhaupt noch ausbilden. Die Studiendauer könnte sich verlängern, weil wir z. B. nicht so viele Prüfungstermine anbieten könnten. Das wirkt sich wiederum auf die Zahl der Ärzt:innen in der Steiermark aus. Möglicherweise sind Stellen in Gefahr, speziell wenn wir durch proaktive Maßnahmen wie Um- organisation, Umstrukturierung und Prozessveränderungen oder Nichtweiterführung von Stellen nach Pensionierung nicht das Auslangen finden. Aber doch: Insgesamt könnte die Zahl der Ärzt:innen dann niedriger sein. Wo würde man das als erstes spüren? Als Letztes sollte es sich bei der Patientenversorgung auswirken, aber zu Beginn sicher vor allem im administrativen Bereich, beim allgemeinen Personal und jenem für den Wissenschaftssupport, dass Stellen nicht nachbesetzt werden können oder geplante Stellen nicht ausgeschrieben werden. Man muss sich genau überlegen, was man weiterführen kann. Das wird dann relativ schnell auch bei unseren Publikationen und Drittmitteleinwerbungen spürbar sein. Markus Zeitlinger meinte, dass das Zurückfahren der For-

ÆRZTE Steiermark || 07_08|2026 9 COVER schung auch heißen würde, dass die österreichischen Standorte nicht mehr in internationalen Studien wären und dass dadurch gewisse neue Medikamente erst später für österreichische Patient:innen zur Verfügung stehen würden. Sehen Sie das auch so? Das ist durchaus möglich. Der österreichische Markt ist für die Industrie sowieso nicht extrem interessant, weil er zu klein ist. Wenn man dann auch noch aus diesen Studien fällt, haben wir wirklich ein Problem. Man sieht, dass das Sparen bei der Forschung im Endeffekt immer eng mit der Patientenversorgung verbunden ist. Wir brauchen in der Steiermark eine gewisse Anzahl von Ärzt:innen, nicht nur am Universitätsklinikum, sondern auch in den Regionen. Wenn die Studierenden länger brauchen oder wir Ärzt:innen nicht so gut ausbilden können, dann wirkt sich das auch auf die Patientenversorgung aus. Das ist ein Kreislauf, alles hängt zusammen. Wie werden die geplanten Kürzungen im Ausland wahrgenommen? In den DACH-Ländern ist das ein großes Thema. Und vor einem Jahr hat unsere Regierung noch gesagt, dass wir angesichts der Trump-Regierung quasi der sichere Hafen für Forschende aus den Staaten sind, doch jetzt müssen wir schauen, dass uns die guten Forscher:innen nicht davonlaufen. In dieser Situation sollten wir absolut nicht sein, denn was Österreich so gut macht, ist unser wichtigstes Potenzial, unsere Menschen. Glauben Sie, haben diese Diskussionen Auswirkungen auf die jungen Menschen, die sich überlegen, Medizin zu studieren? Nein. Viele wollen Medizin studieren und werden trotz der Verunsicherung aktuell ihren Weg gehen, vielleicht springt ein kleiner Prozentsatz ab. Aber die Motivation halte ich für ausschlaggebender. Wie schätzen Sie die Stimmung bei Zusammenarbeiten mit der Wirtschaft, bei Drittmittelprojekten ein? Gute Frage. Wirtschaft, Innovation und universitäres Denken entwickeln sich zusammen weiter. Ich könnte mir schon vorstellen, dass sich die Wirtschaft teilweise von uns abwendet, wenn sie nicht sicher sein kann, dass beispielsweise in einem Labor in einem Jahr noch genug Leute da sind, die die Untersuchungen fortführen können. Nochmal zu Markus Zeitlinger – er hat auch von der Bereitschaft zu einer Null-Lohnrunde gesprochen. Wie sehen Sie das? Durchaus möglich oder sogar wahrscheinlich. Prinzipiell sind die Diskussionen jetzt in den Herbst verschoben worden. Wie rüstet sich die Med Uni dafür? Wir – also alle 22 Universitäten gemeinsam – arbeiten derzeit zusammen, um aufzuzeigen, was aus unserer Sicht wichtig wäre, damit Österreich mit der aktuellen Situation fertig werden kann. Das werden wir der Regierung zur Verfügung stellen. Als Med Uni Graz hinterfragen wir schon seit Jahren unsere Strukturen und Prozesse, und schauen, wie wir durch Digitalisierung und mit KI größere Effizienz aufbauen können. Das werden wir aktiv weiter betreiben, denn ein gewisses Maß an Ressourcenverminderung muss stattfinden. Wir Unis werden immer so dargestellt, als wären wir komplett weltfremd. Man „Was mir so sehr am Herzen liegt, ist die akademische Freiheit. Und die finde ich gefährdet.“

COVER 10 ÆRZTE Steiermark || 07_08|2026 unterschätzt, was wir machen. Wir arbeiten zum Beispiel an Kollaborationen zwischen den Universitäten, um Prozesse zusammenzuziehen oder dass wir gemeinsam eine Einheit haben, die sich um Ausgründungen und Spin-offs kümmert und nicht jeder parallel ein System aufbaut. Welche Themen und Projekte werden die Med Uni Graz im kommenden Studienjahr darüber hinaus beschäftigen? Wir sind dabei, ein komplett neues Curriculum zu entwickeln, das im Herbst 2027 in Kraft treten wird und wir beginnen in diesem Herbst mit dem neuen Psychotherapiestudium gemeinsam mit der Uni Graz. In der Forschung sind wir dabei, Leuchttürme zu fixieren, auch die digitale Transformation ist ein Riesenthema für uns, an dem wir aktiv für mehr Effizienz arbeiten. Was werden die größten Veränderungen im neuen Curriculum sein? Wir nennen es ein Z-Curriculum, bei dem wir mit der Vorklinik beginnen, aber die Studierenden schon sehr viel früher in die klinischen Fächer, in die Patientenversorgung einbinden. Dadurch verbinden wir die beiden Bereiche in den beiden Studienabschnitten besser miteinander. Andere Universitäten haben daran auch bereits Interesse. Wenn Sie einen Appell an die Bundesregierung richten würden, welcher wäre das? Ich bitte darum, sich das Hochschulsystem in Österreich gesamthaft anzuschauen. Dass Österreich 77 Hochschulen hat, ist wahrlich übertrieben. Auch würde ich bitten, einige Gesetze anzupassen, um die Flexibilität der Universitäten zu erhöhen. Das will man aber wahrscheinlich nicht machen, weil das keine kurzfristigen Lösungen, sondern eher langfristige Prozesse sind, die unpopulär sein können. Was mir so sehr am Herzen liegt, ist die akademische Freiheit. Und die finde ich damit gefährdet. Das habe ich gesagt, als Trump kam und Stellen in der Forschung gestrichen hat. Jetzt bewegen wir uns in die gleiche Richtung. Die akademische Freiheit ist ein Grundpfeiler unserer Demokratie. Es geht nicht nur um das Geld, das wir nicht bekommen, es geht um die Richtung die Österreich einschlägt und um die Gesinnung. Foto: Schiffer

Fotos: Med Uni Graz VERANSTALTUNG ÆRZTE Steiermark || 07_08|2026 11 Bits and Bytes 2026: Das Krankenhaus der Zukunft Die Digitalisierung des Gesundheitswesens verändert den medizinischen Alltag. Künstliche Intelligenz unterstützt beinahe schon überall, digitale Anwendungen begleiten Patient:innen entlang ihrer gesamten Behandlungspfade, und innovative Technologien eröffnen neue Möglichkeiten. Doch welche Entwicklungen werden sich durchsetzen? Welche Lösungen schaffen einen spürbaren Mehrwert für Ärzt:innen, Pflegekräfte und Patient:innen? Und wie kann der digitale Wandel im Gesundheitswesen erfolgreich gestaltet werden? Antworten liefert der Kongress „Bits & Bytes – Das Krankenhaus der Zukunft“. Mit Praxisbezug Im Mittelpunkt stehen konkrete Anwendungsbeispiele und praxiserprobte Lösungen. Namhafte Krankenhausträger und Gesundheitseinrichtungen zeigen, wie Künstliche Intelligenz bereits erfolgreich in klinische Prozesse integriert wird und welche Erfahrungen gesammelt wurden. KI als Game Changer Der erste Kongresstag widmet sich den vielfältigen Einsatzmöglichkeiten von KI im Gesundheitswesen. Hochkarätige Referent:innen beleuchten Anwendungen in Logis- tik, Personalmanagement, Pflege sowie Notfallmanagement. Ein Highlight ist der „Kamin:nachmittag“ mit prominenten Autoren und Vordenkern der digitalen Transformation: Harald Leitenmüller, Geschäftsführer von Microsoft Österreich, und Christian Enzinger, Klinikvorstand der Neurologie an der Medizinischen Universität Graz. Im Mittelpunkt des Gesprächs steht die Frage, wie Künstliche Intelligenz die Medizin verändert – und welche Rolle Ärzt:innen künftig in einer zunehmend digital unterstützten Gesundheitsversorgung einnehmen werden. Die Vision: Ärzt:innen werden zu Pilot:innen einer hochkomplexen Versorgung, während KI als leistungsfähiger Copilot unterstützt, entlastet und neue Handlungsspielräume eröffnet. Deep Dive in die digitale Zukunft Am zweiten Tag stehen digitale Gesundheitsanwendungen (DiGAs) und die Weiterentwicklung klinischer Prozesse im Fokus. Diskutiert werden unter anderem die Potenziale KI-gestützter Arztbriefe, automatisierter Leistungscodierung sowie die Bedeutung digitaler Kompetenzen für medizinische Berufe. Darüber hinaus werden moderne Innovationsstrategien vorgestellt, die Gesundheitseinrichtungen dabei unterstützen, den technologischen Wandel aktiv zu gestalten. Save the Date Bits & Bytes – Das Krankenhaus der Zukunft Campus Med Uni Graz | Aula Infos und Anmeldung unter: www.digitaleskrankenhaus.at Am 16. und 17. November 2026 bringt die Veranstaltung führende Expert:innen aus Medizin, Wissenschaft, Krankenhausmanagement und Technologie in der Med Uni Graz zusammen und schafft eine Plattform für Wissenstransfer, Diskussion und Vernetzung.

2025 war eines der 10 wärmsten Jahre sowie eines der 20 trockensten Jahre seit Beginn der Messgeschichte in Österreich, sagen die Landesstatistik Steiermark und GeoSphere Austria. Die höchsten Jahresdurchschnittstemperaturen wurden dabei in Bad Radkersburg und Graz gemessen – Orte, die seit Jahren an der Spitze der Statistik liegen. Die Höchsttemperatur wurde 2025 in Leoben mit 35,6 Grad Celsius gemessen, vor Deutschlandsberg (35,4 Grad Celsius) und Bad Gleichenberg (35,2 Grad Celsius). Hitzetage (also ab 30 Grad Celsius) gab es im Vorjahr zwar in Summe weniger als 2024, dennoch waren es einige: in Bad Radkersburg etwa 41 Hitzetage, in Graz 32. Der Sommer in der ZAM Doch was macht die Hitze mit uns? Trotz Zunahme der Hitzeperioden kann der Sommer die Infekt-Saison vom Patientenaufkommen für die Internist:innen nicht toppen, stellt Eva Fichtinger, Oberärztin in der ZAM, klar: „Aber wir sehen in diesen Zeiten, dass speziell viele ältere Patient:innen mit Vorerkrankungen wegen der Hitze zu uns kommen.“ Das liege vielfach auch daran, dass diese Menschen sehr starre Abläufe haben – wenn sie immer mittags spazieren gehen oder Rasen mähen, dann weichen sie an heißen Tagen nicht davon ab. „Wir sind eben Gewohnheitstiere und viele unterschätzen den Einfluss der Hitze, sind dann völlig dehydriert und kollabieren sogar“, so Fichtinger. Weitere „Klassiker“ im Sommer sind „Insektenstiche und allergische Reaktionen sowie Brechdurchfall durch verdorbene Lebensmittel, wenn die Kühlkette beispielsweise bei Huhn oder Tiramisu nicht eingehalten wurde“. Ältere besonders gefährdet Ein hohes Lebensalter ist ein klarer Risikofaktor. Besonders gefährdet sind in Hitzeperioden Menschen mit Herzkreislauf-Erkrankungen. Weiters nennt die Ärztin Polyneuropathien, Gehbehinderungen und alles, was die Mobilität einschränkt, da es dann durch die Hitze leichter zu Stürzen kommen kann. Symptome, bei denen auf jeden Fall Maßnahmen ergriffen werden müssen, sind Verwirrtheit, Bewusstseinsstörungen und Fieber, betont die Internistin. Ältere Menschen unterschätzen den Flüssigkeitsverlust beim 12 ÆRZTE Steiermark || 04|2026 HITZE Das sind die „Nebenwirkungen“ des Sommers Sommer, Sonne, Sonnenschein – prinzipiell eine feine Sache, doch damit gehen leider auch Hitzetage, Tropennächte und körperliche Belastung einher. Wir haben in der ZAM des LKH-Univ. Klinikum Graz und auf der Kinderklinik nach den „Nebenwirkungen“ der heißen Zeit gefragt. Steiermark || 07_08|2026 Foto: envato/yusufdemirci(2), Schiffer „Viele ältere Patient:innen mit Vorerkrankungen kommen wegen der Hitze zu uns. Sie haben oft sehr starre Abläufe, von denen sie nicht abweichen – beispielsweise mittags spazieren zu gehen.“ Eva Fichtinger Oberärztin ZAM

HITZE Schwitzen und neigen ohnehin dazu, zu wenig zu trinken. Dahingehend müsse im Sommer besonders beraten werden, ebenso wie älteren Patient:innen zu empfehlen, ihre Aktivitäten eher in die Tagesrandzeiten zu verlegen. Die Medikamenteneinnahme sollte in Hitzeperioden ebenfalls mit dem Hausarzt bzw. der Hausärztin gecheckt werden: „Bei Blutdruckmedikamenten kann es sein, dass man die Dosis senkt und auch bei entwässernden Medikamenten.“ Bei den Patient:innen Bewusstseinsbildung für die Auswirkungen der Hitze zu betreiben, hält Fichtinger für wesentlich. Schließlich zeigt laut der ÖÄK eine aktuelle Studie, dass mehr als die Hälfte aller Personen gar nicht wissen, dass sie hitzevulnerabel sind. „Cool-Down“ in der ZAM Während etwa im Straßenverkehr an Hitzetagen alle besonders leicht die Nerven verlieren, ist das in der Ambulanz kein großes Thema, sagt Fichtinger: „Durch die Klimaanlage hat man eher das Gefühl, dass die Menschen hier herinnen wieder runterkommen.“ Schwitzen in der Kinderklinik Abgesehen vom 2. Stock ist die Kinderklinik in Graz hingegen noch nicht klimatisiert. „Daher gibt es auch im Warteraum eine gewisse Hitzebelastung. Hier gilt wie für uns alle, regelmäßig Wasser trinken, mindestens 2 Liter pro Tag. In der Früh und am Abend wird gelüftet und in nicht-infektiösen Bereichen arbeiten wir mit Ventilatoren“, sagt Barbara Plecko, Leiterin der Klinischen Abteilung für Allgemeine Pädiatrie. Hitzeschlag selten In der Pädiatrie sind in den Hitzeperioden verstärkt Gastroenteritis, Babys mit Sonnenbrand, Insektenbisse und Allergien zu versorgen, Sommersmog ist für Asthma-Patient:innen ein Thema. „Hitzeschlag sehen wir selten, ebenso Dehydrierung. Die Eltern sind ganz gut auf der Hut, nur wenn Durchfallerkrankungen und Hitze zusammenfallen, kommt es eher dazu“, weiß Plecko. Wichtig bei Kindern ist es ohnehin, zu starke Hitzeexposition zu vermeiden, da sie im Verhältnis zum Körpergewicht eine größere Körperoberfläche haben und weniger schwitzen. UVSchutz 30 ist ab dem ersten Lebensjahr Pflicht, davor soll es keine direkte Sonnenexposition geben. Achtung bei Medikamenten „Aufpassen muss man auch, wenn Kinder vorübergehend Medikamente einnehmen – einzelne Antibiotika können zum Beispiel Photoreaktionen zur Folge haben, bei Topiramat und Neuroleptika kann es zu vermindertem Schwitzen kommen. Adrenalin ist sehr hitzeinstabil, Epi-Pens daher unbedingt in speziellen Kühlboxen oder zumindest in einer Thermoskanne transportieren und auch Diabetiker:innen müssen schauen, ob das Insulin, das sie mitführen, bei großer Hitze stabil bleibt“, gibt die Fachärztin wichtige Tipps. ÆRZTE Steiermark || 07_08|2026 13 „Aufpassen bei Medikamenten: Antibiotika können Photoreaktionen zur Folge haben, bei Topiramat und Neuroleptika kann es zu vermindertem Schwitzen kommen. Adrenalin ist sehr hitzeinstabil.“ Barbara Plecko Leiterin Klinische Abteilung für Allgemeine Pädiatrie Foto: Med Uni Graz, envato/yusufdemirci(2)

Sommer und Reisezeit lenken den Blick regelmäßig auf die Reisethrombose. In der klinischen Realität bleibt sie jedoch ein Randphänomen. „In Absolutzahlen gemessen ist die Reisethrombose sehr selten“, betont der Gefäßspezialist Thomas Gary. Ältere Daten zeigen, dass bei Flugreisen über 12 Stunden auf 1 Million Passagiere zwischen 4 und 5 symptomatische Lungenembolien kommen. Als Ursache gilt vor allem die fehlende Wadenmuskelpumpe bei langem Sitzen, Dadurch können ClottingPhänomene in den Beinvenen begünstigt werden. Als thromboseförderlich gelten Reisen ab etwa 4 Stunden. Präventive Maßnahmen Für die Mehrzahl der Reisenden ist es jedoch ausreichend, einfache präventive Maßnahmen zu ergreifen. Gary empfiehlt hierbei auf genügend Flüssigkeitszufuhr und regelmäßige Pausen mit Bewegung zu achten – im Einzelfall können milde unterschenkellange Kompressionsstrümpfe sinnvoll sein. Eine medikamentöse Prophylaxe bleibt Hochrisikopatient:innen vorbehalten, etwa bei bereits stattgehabter Thrombose oder aktiver Krebserkrankung. Diese Patient:innen profitieren von einer Thromboseprophylaxe mit einem Antikoagulans (in der Regel einem Heparinpräparat). Verstärkte Venenprobleme Deutlich häufiger als die klassische Reisethrombose sieht Gary im Sommer Patient:innen mit venöser Insuffizienz. „Beschwerden können durch heiße Temperaturen und längeres Sitzen deutlich zunehmen.“ Schwere Beine, geschwollene Knöchel oder bekannte Krampfadern sind dann häufige Vorstellungsgründe. Ob es sich nur um ein saisonales Beschwerdebild oder um einen Abklärungsbedarf handelt, hängt von Intensität und Begleitbefunden ab. „Wenn Krampfadern vorbekannt sind und die Beschwerden im Sommer limitierend zunehmen, ist eine Abklärung mittels Ultraschall durchaus sinnvoll.“ Das gilt besonders bei Hautveränderungen oder wenn sich Hinweise auf eine thrombosierte Varize zeigen, etwa durch Verhärtung und lokale Entzündung. Risikoabschätzung Nicht bei allen Patient:innen ist vor längeren Reisen eine spezialisierte Abklärung erforderlich. Für Gary stehen Eigen- und Familienanamnese im Vordergrund. Der Trend gehe „klar weg von der Abklärung eines Thromboserisikos mittels Blutabnahme und Bestimmung des Thrombophilie-Screenings“. Ein solches Screening könne bei spontanen thrombotischen Ereignissen, insbesondere bei jüngeren Patient:innen, aber durchaus sinnvoll sein, so der Spezialist, sei aber nur ein Teil des Gesamtbildes. Wichtiger bleiben beeinflussbare Faktoren: ausreichend trinken, langes Sitzen unterbrechen, Beine regelmäßig bewegen. In der hausärztlichen Erstabklärung empfiehlt sich daher die gezielte Frage nach Trinkmenge, Sitzdauer, Auslösern und zeitlichem Auftreten der Beschwerden sowie nach klassischen Thromboserisikofaktoren. Warnzeichen nach der Reise Auch wenn Reisethrombosen selten sind, müssen bestimmte Symptome konsequent abgeklärt werden. Dazu zählen vor allem einseitige Beinschwellungen, Wadenschmerz und Atemnot. „Bei diesen Beschwerden sollten die Alarmglocken schrillen“, sagt Gary. Und eine weitere Abklärung mittels Labor, SonoREISETHROMBOSE Was im Sommer in der Gefäßmedizin relevant ist Reisethrombosen sind zwar ein überschätztes Phänomen, venöse Beschwerden sollten jedoch untersucht werden. Was bei Hitze, langen Reisen und Beinschmerzen tatsächlich abklärungsbedürftig ist, erläutert der Angiologe Thomas Gary. „In Absolutzahlen gemessen ist die Reisethrombose sehr selten. Bei einseitiger Schwellung, Wadenschmerz oder Atemnot sollten aber die Alarmglocken schrillen.“ Thomas Gary Facharzt für Innere Medizin & Gefäßmedizin Foto: DJAKOB 14 ÆRZTE Steiermark || 07_08|20266

ÆRZTE Steiermark || 07_08|2026 15 Foto: envato/LightFieldStudios REISETHROMBOSE graphie und bei Atemnot gegebenenfalls auch mittels CT ist indiziert. Risikofaktor Krampfadern? Krampfadern sind laut Gary „ein milder Risikofaktor“ für die Entstehung von Thrombosen. Spätestens wenn Hautveränderungen auftreten oder in der Krampfader selbst bereits Thrombosen entstanden sind, ist die sonographische Abklärung angezeigt, vor allem auch um mögliche Therapie- optionen auszuloten. pAVK mitdenken Aber nicht nur venöse, auch arterielle Beschwerden werden immer wieder unterschätzt. Die sogenannte Schaufensterkrankheit oder periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK) sollte bei belastungsabhängigen Beinschmerzen mitgedacht werden. Vor allem Beinschmerzen speziell bei Anstrengung, die klassischerweise in der Wade beginnen und beim Bergaufgehen früher oder schneller auftreten, sind typisch für die Schaufensterkrankheit. Wenn auch noch typische Risikofaktoren für die Atherosklerose vorliegen (Rauchen, Diabetes, Hypertonus und Hypercholesterinämie) und am betroffenen Bein ein auffälliger Pulsstatus vorliegt, ist die Diagnose der pAVK sehr wahrscheinlich und eine weitere Abklärung unumgänglich. Gary formuliert dafür eine klare Faustregel: Treten Beschwerden nur bei Belastung auf und bestehen in Ruhe keine Schmerzen, bleibt Zeit für strukturierte Abklärung, Bildgebung und Risikofaktorenmanagement. Bestehen hingegen Ruheschmerz oder Wunden, „dann ist die Zuweisung an ein Zentrum unumgänglich“. follow us FORTBILDUNG AKTUELL UNTERSTÜTZT VON Raiffeisen-Landesbank Steiermark Turnusärzt:innen-Weiterbildung: Update Hypertonie:

16 ÆRZTE Steiermark || 07_08|2026 KULTURSOMMERNACHT KulturSommerNacht der Medizin: Unterhaltsamer Abend im Aiola im Schloss Ein Abend zum Durchatmen, Lachen und Genießen: Die KulturSommerNacht der Medizin am 26. 6. 2026 bot im stimmungsvollen Ambiente des Aiola im Schloss die Möglichkeit, gemeinsam einen entspannten Sommerabend zu verbringen. Die Sonne strahlte – und ebenso die zahlreichen Gäste, die sich diese schöne Veranstaltung nicht entgehen ließen – mit dabei auch Landesrätin Claudia Holzer und Beatrice Erker (ÖGK). Für Unterhaltung sorgte Kabarettistin, Schauspielerin und Sängerin Isabell Pannagl mit ihrem Programm „Neues aus dem Dachgeschoss“. Mit viel Witz und feiner Beobachtungsgabe nahm sie das Publikum mit auf eine amüsante Reise durch Alltagsgedanken, kleine Absurditäten und große Fragen des Lebens. Neben dem Bühnenprogramm stand vor allem das Miteinander im Mittelpunkt. Bei kulinarischen Köstlichkeiten aus der Aiola-Küche, guten Gesprächen und sommerlicher Atmosphäre wurde die KulturSommerNacht einmal mehr zu einem Treffpunkt für Begegnung, Austausch und gemeinsamen Genuss. Später sorgte dann DJ-Musik für eine schwungvolle Nacht. So wurde aus der KulturSommerNacht der Medizin eine rundum gelungene Veranstaltung mit Humor, Musik, Kulinarik und vielen schönen Begegnungen. Ein Abend, der gezeigt hat, wie wertvoll solche Momente abseits des Berufsalltags sind: zum Abschalten, Auftanken und für den persönlichen Austausch. Herzlichen Dank für die Unterstützung an Sie&Wir! Fotos: S&S Conny Leitgeb

ÆRZTE Steiermark || 07_08|2026 17 Fotos: S&S Conny Leitgeb KULTURSOMMERNACHT

KUSCHELTIERKLINIK 18 ÆRZTE Steiermark || 07_08|2026 1.500 begeisterte Kinder und bestens versorgte Kuscheltiere Vom Teddy über die kuschelige Riesenschlange bis hin zum Lieblingshasen – sehr unterschiedlich waren die Patient:innen, die heuer in der Kuscheltierklinik vorbeischauten. Und natürlich wurden sie alle liebevoll untersucht, versorgt und behandelt. Das Interesse war groß, die Freude bei den kleinen Besucher:innen ebenso. Rund 1.500 Kinder im Alter von 3 bis 6 Jahren brachten Kuscheltiere mit, dachten sich kleine Krankengeschichten aus und begleiteten ihre Lieblinge durch die verschiedenen Stationen der Kuscheltierklinik. Dort konnten sie erleben, wie ein Arztbesuch abläuft, was bei einer Untersuchung passiert und warum medizinische Behandlungen nichts sein müssen, wovor man Angst haben muss. Spielerisch An den einzelnen Stationen wurde mit viel Einfühlungsvermögen erklärt, untersucht und geholfen. Bei der Anam-nese erzählten die Kinder, was ihren Kuscheltieren fehlt. An der Verbandsstation wurden Pflaster geklebt, Verbände angelegt und kleine Verletzungen versorgt. Auch Labor und Impfstation machten Medizin spielerisch Ein voller Erfolg war die Kuscheltierklinik der Med Uni Graz in Zusammenarbeit mit der Ärztekammer für Steiermark auch heuer wieder. Von 9. bis 11. Juni nutzten viele diese besondere Gelegenheit ihre plüschigen Patient:innen untersuchen und versorgen zu lassen. Foto: Monika Wittmann Rebekka Meitz, Ärztekammer-Präsident Michael Sacherer, Rektorin Andrea Kurz, Magdalena Rusch und Vizerektor Erwin Petek (v. l.)

KUSCHELTIERKLINIK ÆRZTE Steiermark || 07_08|2026 19 begreifbar. Die Studierenden der Med Uni Graz nahmen sich viel Zeit für die jungen Begleitpersonen und ihre Stofftiere und sorgten dafür, dass der Besuch für alle zu einem positiven Erlebnis wurde. Ängste nehmen Ziel der Kuscheltierklinik ist es, Kindern frühzeitig die Angst vor Krankenhausbesuchen, Untersuchungen und medizinischen Behandlungen zu nehmen. Indem nicht sie selbst, sondern ihre Kuscheltiere im Mittelpunkt stehen, können Kinder den Ablauf eines Arztbesuchs aus sicherer Distanz kennenlernen. So wird Medizin verständlich, greifbar und mit positiven Erfahrungen verbunden. Ärztekammer als Partnerin Die Ärztekammer Steiermark unterstützte die Kuscheltierklinik wieder als Partnerin. Für Ärztekammer-Präsident Michael Sacherer ist das Projekt ein wichtiger Beitrag zum Vertrauensaufbau: „Die Kuscheltierklinik stärkt frühzeitig das Vertrauen in unser Gesundheitssystem. Solche Projekte tragen enorm dazu bei, Hemmschwellen und Ängste abzubauen. Das Vertrauensverhältnis zwischen Ärzt:innen und Patient:innen ist für unsere Arbeit im niedergelassenen Bereich ebenso wie im Spitalsbereich schließlich zentral.“ Die vielen begeisterten Kinder, die liebevoll versorgten Kuscheltiere und das große Interesse der Besucher zeigen einmal mehr, wie wertvoll dieses Projekt ist. Kuschelti erkl i ni k MED UNI GRAZ IN KOOPERATION MIT DER ÄRZTEKAMMER STEIERMARK Fotos: Monika Wittmann

Frauen haben häufiger Erkrankungen der kleinen Herzkranzgefäße Warum Hypertonie oft lange unbemerkt bleibt, worauf es besonders bei Frauen zu achten gilt und wann Ärzt:innen bei Vorsorgeuntersuchungen hellhörig werden sollten, erklärt Kardiologin und Internistin Sabine Perl. Bluthochdruck gilt als „stiller Risikofaktor“. Hypertonie fällt oft lange nicht auf, denn „sie verursacht kaum Symptome. Es ist eine schleichende Erkrankung. Symptome treten häufig erst bei einer hypertensiven Krise mit Kopf- oder Thoraxschmerzen auf“, sagt Fachärztin Sabine Perl. In diesem Fall liegen die Werte oft auch über 200 – weit vom idealen Wert von 125 mmHg systolisch entfernt. „Aber auch wenn ein erhöhter Blutdruck vorher meist nicht wahrgenommen wird, weil er nur durch Messungen erkennbar ist, entstehen dennoch Schäden.“ Als Folgen stehen immer Myokardinfarkt, Insult und chronische Niereninsuffizienz im Raum. Messen und Konsequenzen ziehen Perl spricht daher davon, dass der Blutdruck stetig überprüft werden sollte: „Bei Männern erfolgt eine Messung bei der Stellung, bei Frauen leider oft erst, wenn ein Schwangerschaftshochdruck festgestellt wird. Deshalb kommt den regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen eine so große Bedeutung zu.“ Und hier ist ihr eines besonders wichtig: „Die Blutdruckmessung ist Teil der Vorsorgeuntersuchung, aber es ist wesentlich, dass daraus wirklich immer die Konsequenzen gezogen werden. Man sollte es nicht mit der Aufregung beim Arztbesuch abtun, wenn die Werte erhöht sind. Jeder erhöhte Blutdruck muss abgeklärt werden. Der Goldstandard hierfür ist nach wie vor die 24-Stunden-Blutdruckmessung, alternativ können von den Patient:innen auch Selbstmessprotokolle geführt werden.“ Ab Werten von 140 zu 90 in der Arztmessung ist zumeist eine Therapie indiziert, aber entsprechend den aktuellen ESC-Guidelines muss bei Werten zwischen 120 und 139 mmHg systolisch ausführlich bezüglich weiterer Risikofaktoren gescreent werden und gegebenenfalls eine Therapie eingeleitet werden, so Sabine Perl. Hormonelle Veränderungen bei Frauen Besonders aufmerksam beim Thema Bluthochdruck sollte man bei Frauen sein, sagt die Kardiologin und Internistin. Hormonelle Veränderungen können immer auch mit Bluthochdruck einhergehen: etwa BLUTHOCHDRUCK 20 ÆRZTE Steiermark || 07_08|2026 Foto: envato/lucigerma

bei der Pillen-Einnahme und in der Perimenopause. Wer an Schwangerschaftshochdruck leidet, hat auch später ein höheres Risiko. Ebenso steigt das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen nach der Menopause stark an. Noch eine Besonderheit: Frauen haben außerdem häufiger Erkrankungen der kleinen Herzkranzgefäße. „Die Veränderungen bei den kleinen Gefäßen – ANOCA, INOCA und MINOCA – sind neu ins Blickfeld gerückt.“ Zwischen 50 und 70 % der ANOCA/INOCABetroffenen sind Frauen, vor allem in der Postmenopause, da diese hormonellen Veränderungen die Vulnerabilität zu erhöhen scheinen. Therapie-Möglichkeiten Studiendaten berücksichtigen vor allem männliche Patienten, dennoch sieht Perl in der Therapie von Bluthochdruck wenige Unterschiede zwischen den Geschlechtern: Der Lifestyle spielt bei dieser Erkrankung natürlich eine wesentliche Rolle. Gewichtsreduktion, gesunde Ernährung und Ausdauerbewegung werden grundlegend immer empfohlen. Bei der medikamentösen Therapie ist die Behandlungsempfehlung schon früh auf eine Kombinationsmedikation zu setzen. „Da zeigt sich ein guter Benefit, auch betreffend der Adhärenz“, so die Fachärztin. „Die renale Denervierung, die Verödung der Nierenarterie, steht ebenfalls als Methode für Bluthochdruckpatient:innen zur Verfügung. Über die Leiste wird das sympathische Nervensystem verödet. Dafür muss allerdings eine sekundäre Hypertonie ausgeschlossen sein“, nennt sie die Voraussetzung für den Eingriff. Stress-Belastung und Energydrinks Ein wesentlicher Punkt ist – gerade bei Frauen – die erhöhte Stressbelastung, die sich auf den Blutdruck auswirkt. Sabine Perl empfiehlt vor allem Frauen im mittleren Lebensalter autogenes Training für den Sympathikus. „Regelmäßige Entspannungsübungen und Auszeiten sind wichtig, um das ganze System zu beruhigen. Der Vagusnerv muss aktiviert werden, das wirkt sich auch positiv auf den Schlaf aus. Und gut zu schlafen ist einfach ein wesentlicher Faktor.“ Ein „no-go“ sind dafür Energydrinks, die in zweierlei Hinsicht negative Auswirkungen haben – einerseits wegen des hohen Zuckergehalts und andererseits wegen Inhaltsstoffen wie Taurin, die den Blutdruck heben. „Man muss sich bewusst machen, dass Energydrinks kein normales Getränk sind.“ Foto: M. Begsteiger, envato/micens BLUTHOCHDRUCK ÆRZTE Steiermark || 07_08|2026 21 „Frauen haben häufiger Erkrankungen der kleinen Herzkranzgefäße. Die Veränderungen bei den kleinen Gefäßen – ANOCA, INOCA und MINOCA – sind neu ins Blickfeld gerückt.“ Sabine Perl Kardiologin und Internistin

22 ÆRZTE Steiermark || 07_08|2026 PBÄEDRI AE TI CR HI E Fotos: Furgler, Envato/seventyfourimages Pädiatrie: Kleine Patient:innen – große Wirkung Die Kinder- und Jugendheilkunde ist ein Fach mit hoher gesellschaftlicher und gesundheitspolitischer Bedeutung – für Univ.-Prof. Almuthe Christina Hauer, designierte Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde (ÖGKJ), ist klar: Pädiatrie darf nicht länger als Randthema verstanden werden. „Die Pädiatrie ist nicht die Medizin der kleinen Patient:innen, sondern die Medizin der zukünftigen Erwachsenen“, betont sie. Kinder und Jugendliche machen rund 20 % der Bevölkerung aus – „aber eigentlich 100 % der Zukunft“. Diese Perspektive ist wesentlich, um zu verstehen: Wer heute in Kindergesundheit investiert, wirkt nicht nur im Hier und Jetzt, sondern über Jahrzehnte hinweg. Wo Prävention beginnt Viele chronische Erkrankungen, die im Erwachsenenalter das Gesundheitssystem belasten, haben ihren Ursprung in Kindheit und Jugend. Ernährung, Bewegung, psychische Gesundheit, Entwicklungsstörungen, frühe Verläufe chronischer Krankheiten oder soziale Belastungen prägen spätere Gesundheitschancen. Pädiatrie ist damit weit mehr als medizinische Versorgung im Kindesalter. „Jede Investition in die Kindergesundheit wirkt Jahrzehnte nach. Pädiatrie ist die wirksamste Form von Präventionsmedizin und damit Zukunftsmedizin“, sagt Hauer. Eine starke Versorgung von Kindern entlastet langfristig das gesamte Gesundheitssystem. Trotz dieser Bedeutung werde Kindermedizin in gesundheitspolitischen Entscheidungen zu oft als Nischenthema behandelt, meint Hauer. Dabei sei sie eine gesamtgesellschaftliche Investition. Wohnortnah Eine der großen Herausforderungen sieht die Fachärztin, die ab Jänner 2027 als Präsidentin der ÖGKJ im Amt ist, weniger in einem Mangel an Spitzenmedizin, als vielmehr in der schleichenden Erosion der wohnortnahen Grundversorgung. Unbesetzte Kassenstellen, eine überalterte Struktur im niedergelassenen Bereich und steigende Anforderungen an Kinderärzt:innen wie eine Zunahme an Entwicklungsfragen, psychosozialen Problemen und chronischen Erkrankungen verschärfen die Situation. Dazu kommt: Wenn niedergelassene Kinderarztstellen nicht nachbesetzt werden können, verlagert sich die Versorgung in die Spitalsambulanzen. Für Hauer ist das zentral: „Jede nicht besetzte Kinderarztstelle lässt unsere Patient:innen letztlich in den Ambulanzen Wer die Pädiatrie stärkt, investiert nicht nur in die Versorgung von Kindern und Jugendlichen, sondern in die Gesundheit der Gesellschaft von morgen, denn „Pädiatrie ist die wirksamste Form der Präventionsmedizin“, so die designierte ÖGKJ-Präsidentin Almuthe Hauer. „Pädiatrie ist die wirksamste Form von Präventionsmedizin und damit Zukunftsmedizin..“ Almuthe Christina Hauer Designierte Präsidentin der ÖGKJ

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